CINEMATHEK: 23 – NICHTS IST SO WIE ES SCHEINT

BRD, 1998
Regie: Hans-Christian Schmid
99 Minuten, FSK: zwölf Jahre

Zahlen über Zahlen. Da wären zunächst einmal die 80er – und damit verbunden eine komische Leere. Die 50er, 60er, 70er: Jahrzehnte wie Mythen, voll von unsterblichen Attributen. Aber die 80er? Was war das für ein kantiges Jahrzehnt, das politisch brodelte, Tschernobyl kennenlernen mußte und sich irgendwann in seiner Zerrissenheit zwischen Gestern und Morgen auflöste? Eine sterile Dekade, an deren Horizont der Stern des Personal Computers emporschnellte, der zwar noch Commodore 64 hieß und wie ein Rubiks-Würfel umschalt war, aber keinerlei Unklarheit bezüglich seiner kommenden Weltherrschaft aufkommen ließ. Nicht mehr lange, und der Kalte Krieg würde in einen heißen Kampf um Daten umschlagen. Die Informationsgesellschaft machte allmählich ernst – und forderte ihre ersten Opfer.
Hier setzt „23“ ein. Regisseur Hans-Christian Schmid („Nach fünf im Urwald“, 1996) läßt seine Kamera zu Beginn über Zeitungsausschnitte und Spiegel-Artikel fahren und webt dokumentarisches Filmmaterial von gewaltsam aufgelösten Anti-Atomkraft-Sitzstreiks ein. Das sind prägnante, düster gehaltene Ausschnitte, die den Zuschauer schnell einhüllen und überdies ein festes Netz bilden, auf das der Film seine durchdringende Geschichte stellen kann. Im Mittelpunkt steht dabei Karl Koch, ein Computer-Hacker aus Hannover, der tatsächlich gelebt hat. Zusammen mit ein paar Mitstreitern hat er sich zu Mitte der 80er in die Computer amerikanischer Firmen und Behörden gehackt und jede Information, die er dabei in die Finger bekam, über Ostberlin an den KGB verkauft. War es am Anfang der Wunsch nach einem West-Ost-Wissensausgleich, mehr Macht-Transparenz und damit weniger Kaltem Krieg, so zählte am Schluß nurmehr das schnelle Geld.
Mit falscher Hacker-Romantik will dieser Film nichts zu tun haben. Karl ist kein stereotypischer Stubenhocker, sondern ein linker Aktivist, ständig im Streit mit seinem konservativen Vater, ständig im Clinch mit einer Generation, der er die Atomkraft und das Waldsterben anlastet. Dann aber bekommt er das Buch „Illuminatus!“ von Robert Anton Wilson in die Hände, das etwas anderes sagt: niemand sonst als der „Bund der Illuminaten“ zeichnet für die Geschicke der Welt verantwortlich. Karl ist fasziniert von dieser Theorie, die so scheinbar logisch alles Übel zu erklären weiß. Das Verführerische: Diesen Bund hat es tatsächlich gegeben; er ging 1776 aus der Freimaurerbewegung hervor und fand so prominente Mitglieder wie Johann Wolfgang von Goethe. Bereits ein Jahrzehnt nach seiner Gründung verbot der bayerische Kurfürst den Geheimbund wegen staatsfeindlicher Tendenzen. Doch das Verbot, so mutmaßt das Buch, hatte nicht die Auflösung zur Folge, sondern die weltweite Regentschaft der Illuminaten – aus dem Untergrund heraus. Die einzig sichtbaren Spuren ihres Wirkens sind die „23“ als ihr Code und die Freimaurerpyramide als Erkennungssymbol.
Unter dem Einfluß von diversen Pillen und Kokain deutet Karl die Welt zunehmend und schließlich nurmehr anhand dieser Spuren: auf dem Dollarschein ist genau diese Pyramide abgebildet, das Pentagon hat fünf Ecken (Quersumme von 23), der Politiker Olof Palme fällt exakt um 23.23 Uhr einem Attentat zum Opfer, ein ARD-Manager raucht „Ernte 23“ und das Grundgesetz der BRD trat ausgerechnet am 23. Mai 1949 in Kraft. Das sind zweifelsfrei Fakten, nur legt sie sich Karl wie eine Schlinge um den Hals.
Zu Anfang tapeziert er seine Wände mit Zeitungsausschnitten, die seiner flammenden Interpretation der weltgeschichtlichen Ereignisse Kohle liefern, dann reserviert er gar ein eigenes Zimmer, in dem er aus Platzgründen die Artikel wie Wäsche an Leinen heftet. Da ist ihm die Verschwörungstheorie aber längst schon zum Angelpunkt einer schweren Psychose geworden: Die „23“ und die Pyramide sind ihm allgegenwärtig, die Illuminaten scheinen ihn schließlich persönlich zu verfolgen, ihm sogar die Gedanken zu rauben. Schließlich gerät ihm der schmale Korridor zwischen tatsächlicher und eingebildeter Bedrohung zum Laufsteg in die Psychiatrie.
Vom Bundeskriminalamt beobachtet, von seiner Kokainsucht ausgehöhlt und von der „23“ zu Boden geworfen, stellt sich Karl Koch im Jahr 1988 dem Verfassungsschutz, um seine Hacker-Aktivitäten zu gestehen. Im März 1989 werden seine Mitstreiter verhaftet. Kurz darauf, am 23. Mai 1989 stirbt Karl Koch unter nie geklärten Umständen – er war 23 Jahre alt. Ein Zufall?
Darüber will der Film nicht spekulieren, überhaupt läßt er lieber Tatsachen sprechen. Die sind natürlich dramaturgisch überhöht, aber mit viel Bedacht, aus respektvoller Perspektive. Die Kamera folgt den Figuren mit wohltuend stiller Sanftheit; sie interessiert sich bedingungslos, wird indes nie aufdringlich. Unser Blickpunkt ist der von Karl Koch: als Ich-Erzähler steuert er aus dem Off eine Art Tagebuch seiner Entwicklung bei. Seine Geschichte bleibt klar strukturiert, ist auf eine gewisse Art fast sachlich und wird dann doch wieder von der Dichte des Geschehens umhüllt. „23“ verbindet die Leichtigkeit des Spielfilms spielend mit der Schwerkraft des Authentischen und glänzt mit seiner Ästhetik des Zeigens und Erzählens.
Getragen wird die starke Atmosphäre des Unmittelbaren von den Leistungen der Schauspieler, die sich den Charakteren hingeben, als handele es sich nicht um eine Rolle, sondern um die eigene Biographie. Allem voran ist hier die Neuentdeckung August Diehl zu nennen, der für seine Darstellung des Karl Koch im Rahmen des Bayerischen Filmpreises gleich als „Bester Nachwuchsschauspieler“ ausgezeichnet wurde. Er wurde vor kurzem 23 Jahre alt. Ausgerechnet. (jr)