CINEMATHEK: AMERICAN PIE

American Pie, USA, 1999
Regie: Paul und Chris Weitz
95 Minuten, FSK: zwölf Jahre

Es ist das Ende einer alten Unschuld: Plötzlich tropft das „F-Wort“ aus allen Sätzen. Bisher wagte es nicht einmal das Time-Magazine, den Begriff auszuschreiben. Wer „fuck“ sagen wollte, machte drei Punkte und ebenso viele Kreuze, auf dass er den Gipfel aller urpuritanischen Tabus trotz der Anspielung unangetastet gelassen hatte.
In der Komödie „American Pie“ aber findet niemand mehr etwas daran, die Sache beim vollen Namen zu nennen, im Gegenteil: Irgendwo zwischen Vietnam, Woodstock und AOL muss die innere Sperre gründlich verpufft sein. Dafür gibt es jetzt einen anderen Begriff, den man sich, wenn überhaupt, nur zuzuflüstern traut – das „L-Wort“: Sex, nun gut, doch Liebe: Ach, du großer Term! Die Konstanten müssen sich verdreht haben.
Sicherheit steckt bestenfalls noch im Titel: Zwar wird auch in Amerika ein Apfelkuchen aus Teig gemacht, doch kann man sich hier eben nach wie vor nicht einfach eine Scheibe abschneiden, sondern muss ihn selber backen. Es lodert der alte Traum vom Glück, das man aus eigener Kraft zimmern muss, weil es sonst keiner tut. Nur träumen heute nicht mehr die harten John Waynes, sondern die kontur- und gesichtslosen Jungs der „Generation Gameboy“. Und die nehmen das Ideal vom „self made man“ ziemlich wörtlich: Alles, was sie wollen, ist der Verlust ihrer Jungfräulichkeit spätestens beim High-School-Abschlussball.
Bis es soweit kommt, entlädt sich in „American Pie“ freilich geradezu zwingend eine ziemlich feuchte, durchaus albern-komische Geschichte über allerlei Masturbations-Peinlichkeiten, pubertäre Emotionswelten und Ferienlager-Obszönitäten. Dass dabei ausgerechnet auch ein Apfelkuchen zu Zwecken des Erkenntnisgewinns „missbraucht“ wird, lässt keinen Zweifel: Jetzt wird bis zum Ende geträumt!
Die Väter-Generation, die den Sex noch so vertagen musste wie sie am Primat der Liebe hing, kommt hier nicht mehr mit. Längst hat ihnen das Internet ihre Aufklärungsversuche vorweggenommen, längst schon stoßen die Sprößlinge im Schnellrestaurant mit Milchshakes auf ihre geglückte Initiation an: McEntwicklung am Ende der Neunziger. Man redet viel, aber man tut es auch.
Ein Jahrzehnt zuvor hatte die Sache ganz anders ausgesehen. Im 80er-Jahre-Kultfilm „Breakfast Club“ litten die Teenager noch unter dem Joch des Siegens und der Strahlens, das ihnen Amerika auferlegte. Aus den Vorgaben der elterlichen Leitbilder sahen sie sich höchstens als Verlierer hervorgehen. Es ist kein Zufall, dass der Titelsong von „Breakfast Club“ nun in „American Pie“ zurückkehrt: Regisseur Paul Weitz grenzt mit diesem Zitat zwei Generationen voneinander ab – und heute, meint er, werden die Ärmel gefälligst wieder hochgekrämpelt.
Also mausert sich der Sportfreak zum Tenor, weil im Chor das hübscheste Mädchen ist. Also lernt ein anderer das Kamasutra auswendig, um im Fall der Fälle glänzen zu können. Also wird bestochen und experimentiert, wird taktiert und gepokert, bis die ganze Prüfung endlich bestanden ist. Durchfallen kann man da allenfalls in Sachen Liebe. An die nämlich müssen sich die Knaben so langsam herantasten wie andere einst an das „F-Wort“. Neue Unschuld.
(jr)