CINEMATHEK: BIG FISH

Big Fish, USA, 2003
Regie: Tim Burton
125 Minuten, FSK: sechs Jahre

Big Fish – Die Lust an der Lüge

Einen richtig großen Fisch habe der junge Ed Bloom ringend an Land gezogen, mit bloßen Händen, um seinen Ehering, der er als Köder benützte, wieder zu bekommen – deshalb habe er die Geburt seines Sohnes Will verpasst. Eine Geschichte, die man so recht nicht glauben will, ja die offensichtlich dramaturgisch etwas ausgeschmückt wurde – aber sie ist so schön. Das Thema der Vaterschaft scheint eine gewisse Aktualität zu haben: Nach „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ und „Die Rückkehr“, geht es auch in Tim Burtons neuem Film – der als sein bester gehandelt wird – voll und ganz um das Geheimnis eines Vaters, das Mysterium eines ganzen Lebens.
Billy Crudup spielt den aufgeklärten und aufklärenden Sohn des berüchtigten Geschichtenerzählers Ed Bloom, der – mittlerweile in die Jahre gekommen – wegen Krebs am Sterben liegt und der seinen in Paris lebenden Sohn seit Jahren nicht gesehen hat. Zerstritten hatten sie sich, weil der Sohn die ständigen erlogenen Anekdoten des selbstdarstellerischen Vaters nicht mehr ertragen konnte – für den nach Wahrhaftigkeit trachtenden Sohn hat sich das Bild des Vaters in Lügengeschichten verwässert, verzerrt, verfremdet.
Jetzt aber, mit dem nahenden Tod des Vaters, stellt er sich ihm ein letztes Mal und ist entschlossen, die Wahrheit über seinen Vater zu erfahren – die Märchenstunde geht aber jetzt erst richtig los, und Billy kriegt sie zum tausendsten Mal erzählt, die unglaublichen Geschichten aus dem Leben des Vaters: Wie er zum Beispiel als junger Spund – Ewan McGregor spielt ihn wunderbar leichtfüßig – die Stadt von einem schafsfressenden Riesen gerettet hat, und auf dem Weg durch einen verhexten Wald in die utopische Stadt Spectre gelangt, in der alle wenigen Einwohner barfuss umher laufen und alles sonderbar verklärt ist.
Dort trifft er auf den ehemals berühmtesten Poeten seiner Heimatstadt (gespielt von Steve Buscemi) – nun der berühmteste Poet Spectres – nur, um ihn Jahre später in Texas wieder zu finden, wo er mit ihm eine bankrotte Bank ausraubt, nur, um ihn Jahre später an der Wallstreet wieder trifft, wo er inzwischen ein ganz großes Tier geworden ist. „Die Geschichte meines Vater ergibt nicht immer einen Sinn“, das offenbart uns der Sohn schon zu Anfang – das ist natürlich eine ganz große Untertreibung.
Und Billy versucht trotzdem, dieses Mosaik zusammen zu führen, zu etwas Kohärentem, zu etwas Wahren, und hinter die Fassade der (Selbst-)Inszenierung zu blicken. Der Aufklärer macht sich selbst auf die Suche, forscht nach im Leben des Vaters, und erfährt, dass nicht alles an seinen Geschichten falsch ist, sondern dass tief im Wesen einer Inszenierung nicht nur ein guter Wille (zu unterhalten), sondern auch ein Körnchen Wahrheit steckt – jede Lüge erzählt in gewissem Sinne auch ein Stückchen Wahrzeit, nicht zuletzt über den, der sie verbreitet.
In diesem Sinne thematisiert „Big Fish“ natürlich auch seine eigene Domäne: Film, d.h. Geschichten erzählen, in Bildern. Und Tim Burton, der mit seinem Autor John August den Roman von Daniel Wallace adaptierte, huldigt dem Geschichtenerzählen so uneingeschränkt, dass die letztendliche Aussage, die so ehrlich, so rührend, und im Grunde so wahr ist, auch sehr gefährlich ist – der Film propagiert nicht nur die Lust an der Lüge, sondern auch, dass die Suche nach Wahrheit, das ständige Hinterfragen der Gegebenheiten, zu Sinnleere, Frustration, und Langeweile führt.
Er propagiert – und das unfreiwillig – das Leben im schönen Schein medialer Behauptungen. In Zeiten von „embedded journalism“, von Medienpropaganda und Medieninszenierungen, ein nur allzu prekäres Geständnis. Und obwohl der nach Wahrhaftigkeit strebende Billy in Paris arbeitet – was ganz offensichtlich ein kleiner ironischer Verweis auf die französisch-amerikanische Verstimmungen hinsichtlich des Irakkriegs ist –, sollte man Tim Burtons sehr schönem Film eine sozial- und medienpolitische Lesart nicht mit aller Kraft abtrotzen. Es geht um Geschichtenerzählen, und solche, die sie erzählen, es geht um Kino und um Fantasie, es geht um Unterhaltung, und um große Gefühle – es geht um zwei ganz entscheidende Fragen, die wichtigsten vielleicht, wenn es um Geschichten geht; zwei Fragen, die alles darüber sagen, wie man mit Geschichten umgeht.
Die eine lautet: „Was will der Erzähler mit seiner Geschichte aussagen?“ – legitim ist sie, aber sie liegt nicht im Sinne des Geschichtenerzählens. Die andere Frage lautet: „Was sagt mir diese Geschichte? Was sehe ich darin?“ – der Grund, warum wir eine Kultur sind, die sich von Geschichten nährt, und warum wir sie immer wieder hören und sehen wollen, und weil es sie immer geben wird, kann nur der sein, das wir in den Geschichten und Abenteuern fremder Helden auf Leinwänden und in Büchern eines nur, immer wieder suchen, und immer wieder finden: Uns selbst.
(pk)