CINEMATHEK: BLAIR WITCH PROJECT

Blair Witch Project, USA, 1999
Regie: Daniel Myrick und Eduardo Sanchez
87 Minuten, FSK: 18 Jahre

Das fahl angeleuchtete Gesicht einer jungen Frau klebt ein paar Sekunden lang am Bild-rand, ihre Augen tasten die vollkommene Dunkelheit ab, die sie umgibt, dann vibriert ihre Stimme flüsternd ein schauderndes „Was ist das?“ hervor. Soweit der Trailer: Keine Knalleffekte, keine Namen, keine Geschichte. Frecher Purismus statt der standardisierten Verpackungsmogelei, die jede Vorschau einfach betreiben muss. Hier stimmt wohl etwas nicht.
Und tatsächlich: Der Film zum Trailer besetzt eine Nische, die das Kino gar nicht zulassen dürfte, weil ihm hier die eigene Blindheit vorgeführt wird, und das auch noch unter Ablehnung aller Regeln der Kunst. Außerdem hat das Werk (Regie: Daniel Myrick und Eduardo Sanchez) gerade einmal 60.000 Dollar gekostet und bereits jetzt den höchsten Gewinn der Filmgeschichte für sich verbuchen können: Der Streifen ist geradezu unverschämt!
Unverschämt auch dem Zuschauer gegenüber, denn faktisch sehen wir 87 Minuten lang nicht mehr als einen Wald, ein Zelt, eine Ruine, ein paar Dorfbewohner und drei unscharfe, überdies nicht besonders anziehende Hauptfiguren (Heather Donahue, Michael Williams und Joshua Leonard). Beizeiten sehen wir auch gar nichts, weil die Leinwand einfach schwarz wird. Dann hören wir umso mehr, hören Dialoge, Schreie, hören die sich steigernde Angst der Figuren vor der Nacht, vor dem Alleinsein und dem Grauen, und beginnen, all das zu fühlen.
Es bleibt uns auch gar nichts anderes übrig als der Rückzug in die Phantasie, denn auf die Kamera, das sonst so gültige Fenster zum Geschehen, ist hier kein Verlaß: Sie lahmt fortdauernd an ihrer Blindheit und ihrem eingeschränkten Blickwinkel. Während sie in die Dämmerung funzelt und nicht mehr als fahle Ahnungen einsaugt, entsteht die Geschichte dort, wo sie im Kino überhaupt nicht entstehen können dürfte: im Kopf, geradewegs als lese man ein Buch. So reduziert „Blair Witch Project“ das Kino auf Null: Gefilmt werden aneinandergereihte Bruchstücke, die auch in ihrer Summe nur einen Zustand – das bloße Sein im Wald – vermitteln können, nicht aber eine Geschichte. Die gilt es zu hören und herauszulesen.
Entsprechend präsentiert der Film gleich zu Beginn einen Text statt eines Bildes: Im folgenden, wird das Folgende voweggenommen, seien Aufnahmen zu einem Dokumentarfilm zu sehen, die man in einem düsteren Wald gefunden habe. Die Arbeit stamme von drei Filmstudenten, die mit ihren Handkameras der grauenvollen Legende eines Waldgeistes hätten nachspüren wollen. Während ihrer Recherche seien die drei jedoch spurlos verschwunden.
Unter diesem Vorzeichen angeblicher Authentizität (worauf im Übrigen der Erfolg der Internet-Werbung für den Film basierte) folgt auch tatsächlich die so wackelige wie nüchterne Auskunft über Freundschaft, Konflikt, Panik, Todesangst der drei. Denn während sie glauben, mit ihren beiden Handkameras allem voran der Legende nachzuhasten, dokumentieren sie in erster Linie ihren „Alltag“ im Wald – die letzten Tage ihrer Existenz.
Von Anfang an umwebt sie ein Netz aus Unsicherheiten: So haben sie zwar Karte und Kompaß, laufen aber im Kreis. Sie glauben zu wissen, dass in einem modernen Amerika niemand verschwinden muss – und gehen unter. Sie verlassen sich auf ihre Freundschaft, die unter der Anspannung jedoch mürbe wird. Was hierbei nicht gezeigt wird, was sozusagen zwischen die Zeilen fällt, sind andere Facetten von Ungewissheit: jene dunkle Ahnungen und jedes nie beantwortete „Was ist das?“, woraus der Film seine eigentliche Macht destilliert. Er beschreibt, wie Ereignisse trotz des beständigen Versuchs, sie festzuhalten, nicht zu kontrollieren sind. Daß es sich ausgerechnet um eine Legende handelt, an der sich die Wirklichkeit der Drei aufreibt, verstärkt das Empfinden, der Essenz der Geschichte mit keinem Mittel habhaft werden zu können – am wenigsten mit der Kamera: Den Gegner, jenen angeblichen oder tatsächlichen Waldgeist, sieht man nie.
Auch wissen wir nicht, wie einer der drei Filmer plötzlich verschwinden konnte. Die Kamera kann lediglich konstatieren, dass er ab sofort nicht mehr vor ihre Linse tritt. Sein tatsächliches Schicksal bleibt im Verborgenen, auch als die verbleibenden Filmer eine abgeschnittene Zunge finden. Nur soviel wissen wir und sie dann: Wenn es seine sein sollte, wird er aus dem tiefen Unterholz nicht mehr nach Hilfe rufen können. Indizien, nichts weiter.
Unfehlbar dekodieren läßt sich dieses Zeichen, die Zunge, ebensowenig wie jene Vodoo-Konstrukte, die in diesem Film allerorten von Bäumen hängen. Wenn es in diesem Symbol-Labyrinth überhaupt Sicherheiten gibt, so sind es die, die verbal vermittelt werden: Ausgerechnet in einem Cinéma-Vérité-Werk, das um keinen Spezialeffekt verfälscht ist, sagt ein Wort mehr als tausend Bilder – und selbst das Wort verliert sich zunehmend, löst sich im Geschrei auf und büßt seine Kraft ein.
Diese Hilflosigkeit bei offenem Auge überträgt sich auf den Zuschauer, weil er exakt an den Blickwinkel des jeweils Filmenden gefesselt wird. Zugleich weiß er, dass er das Filmmaterial chronologisch – in unwiderruflicher Verschlechterung der Umstände also – verfolgen muss; irgendwann werden die kurzsichtigen Kameras ganz schweigen, weil keiner mehr übrig sein wird, der sie bedienen könnte.
Ein Film ohne Objektiv? Eine Geschichte, die nicht gezeigt wird? „Blair Witch Project“ geht den Weg unvereinbarer Gegensätze bis zum Ende: In seiner letzten Einstellung verleugnet er die Zeigekraft des Mediums bis aufs plumpe Flimmern. Da mag der Zuschauer mit allen Sinnen deuten, seinem Auge aber bleibt jede Erkenntnis verborgen. Was schlicht sehenswert ist.
(jr)