CINEMATHEK: BLUES BROTHERS 2000

Blues Brothers 2000, USA, 1998
Regie: John Landis
123 Minuten, FSK: sechs Jahre

Diese Zahl hinter dem Filmtitel steht im luftleeren Raum: sie wirkt, als wolle jemand eine Waschmaschine aus den 80ern feilbieten – als das magische Datum noch für innovativen Vorsprung stehen sollte. Regisseur John Landis verkauft gar eine Waschmaschine, die nur im Schleudergang arbeitet: in der Trommel wirbelt die alte Geschichte mit den alten Gesichtern, wirbelt und wirbelt, bis nur noch feuchte Fetzen übrig bleiben.
Kaum ein Unterschied also zum Vorgänger (1980), jenem unbedingten „Kult“ und wilden Blues-Musical, mit dem Dan Aykroyd und John Belushi zu den konkurrenzlosesten „Outcasts“ ihrer Zeit wurden? 18 Jahre sind seither vergangen und der Blues scheint noch verlorener, als er es damals schon war. Ein echter „Blues Brother“ aber, der einmal trotz des Punk-Trends mit weißen Socken unter schwarzen Buntfalten auf die Bühne gesprungen ist, der versprüht sein Bluespulver tapfer auch inmitten von Hip-Hop-Phosphaten und Techno-Bleiche.
Leicht hätte es ein trister Totentanz werden können um die Reste des seeligen Souls; auch die Musiker und Interpreten sind ja mittlerweile ziemlich ergraut. Aber nein, sie alle feiern eine Geburtstagsparty zum 18., ohne daß irgend jemand den Ernst der gewonnenen Volljährigkeit einfordern würde. Sie wissen ja, daß ihre musikalischen Wurzeln die einzig echten sind, und Gott selbst steht sowieso auf ihrer Seite. Da kann man sich schon ein bißchen Spaß gönnen.
Natürlich kokettieren die Brüder mit der Tatsache, daß sie irgendwie im falschen Jahrzehnt gelandet sind. Bei der Jam-Session zusammen mit B.B.King und Eric Clapton im Haus einer „Vodoo-Hexe“ aber pochen sie dann doch darauf, daß ihnen niemand mit Zeit oder Trends zu kommen hat. Das einzige, wovor sie flüchten, bleibt nach wie vor die Polizei, die sich einmal mehr ziemlich unkommentiert vor allem als dämlich zu erweisen hat.
Diese Flucht, die dem Patch-Work-Musical das Road-Movie anheftet, machte und macht die Geschichte aus. Schon der erste Teil hatte dieser Mischung aus Musik und Motoren, die so gar nicht „blue“, also melancholisch sein wollte, seinen Ruhm zu verdanken. Der Film wurde nicht nur dafür berühmt, daß sämtliche Nebenrollen von Stars der Szene besetzt wurden, sondern auch für die größte Massenkarambolage der Filmgeschichte. Ehrensache, daß sich auch dieses Mal Aretha Franklin und Company zum fröhlichen Stelldichein versammelten; Ehrensache, daß sich dieses Mal noch mehr Polizeiautos im Rahmen einer Verfolgungsjad zum Schrottplatz auftürmen.
Dabei bleibt die Flucht der „Blues Brothers“ nur zunächst eine Flucht vor weiteren Vorstrafen und Gefängnisaufenthalten und damit dem Verlust ihres über Mobilität gelebten Freiheitstraumes. Eigentlich flüchtet der Männerverein vor allem vor der eigenen bürgerlichen Identität: einmal ruhiggestellt, müßten sie sich (fast) alle einer gesellschaftlichen Unterklasse anrechnen, zu der sie nur deshalb nicht gehören, weil ihnen Fans zu Füßen liegen. Nach 18 Jahren nun mutet diese Flucht an, als ahnten die Brüder das ein bißchen. Überlegene, erhabene Heroen freilich waren sie schon im ersten Teil nicht, eher tolpatschig und immer um die nächste Tankfüllung bettelnd. Jetzt aber hütet Elwood Blues (Dan Aykroyd) ein Waisenkind (J. Evan Bonifant), und selbst durch seine Sonnenbrille hindurch gibt ihm dieses ungewollte väterliche Moment einen Hauch von Bürgerlichkeit.
Zudem gibt es seinen alten Partner Jake (John Belushi) nicht mehr. Er ist (wie der Schaupieler Belushi, dem der Film gewidmet ist) längst gestorben. So trägt Elwoods Wille, die Band neu zu beleben, von vorne herein Züge von trauriger Vergänglichkeit – da braucht er den Blues gleich gar nicht mehr lange zu rechtfertigen.
Belushis Platz nimmt John Goodman („Roseanne“) ein, und obwohl er sich redlich bemüht, wirkt das in etwa so konstruiert wie der Auftritt einer russischen Mafiagruppe, die als ironisch gemeinter Ersatz für den Kalten Krieg umhertölpelt, um dann in einer der surrealsten Szenen des Films vom Blitz getroffen zu werden. Das allerdings ist ein nettes Spiel mit dem poppigen Märchen, eine gelungene Absage der Geschichte an die Realität zugunsten der phantastischen Sphären, in denen sie sowieso spielt.
Ist der Zusatz „2000“ nun eine Haltbarkeitsangabe? Man kann schon jetzt den Blues für tot erklären, die Brüder und natürlich die Geschichte. Und man kann der Fortsetzung vorwerfen, Wäsche zu waschen, die eigentlich schon bis auf die Fasern ausgewaschen ist. Aber echten Kult läßt das ziemlich kalt.
(jr)