CINEMATHEK: BOOGIE NIGHTS

Boogie Nights, USA, 1997
Regie: Paul Thomas Anderson
152 Minuten, FSK: 16 Jahre

Die junge Frau blutet heftig aus der Nase; sie zuckt, bäumt sich noch einmal auf, bevor ihr Körper endgültig erschlafft. „Nehmt den Hinteraugang“, ermahnt Hausbesitzer Jack die beiden Männer, die die Frau wie ein überfahrenes Reh hinaustragen. Die letzte Line Kokain hat sie überrollt, und so etwas will niemand sehen auf dieser Party, die den 70ern huldigt, als müsste sie ein ganzes Jahrzehnt voller harter Drogen und hastiger Geschlechtsakte in eine Nacht packen: es ist nicht der Boogie-Rhythmus sondern der eines Totentanzes, dem Regisseur Paul Thomas Anderson in seinem Film „Boogie Nights“ folgt.
Sein Thema könnte greller nicht sein: er erzählt die Geschichte des Porno-Regisseurs Jack Horner (Burt Reynolds) und seines Stars, des jungen Träumers Dirk Diggler (Mark Wahlberg). Und er weidet sich an ihr, folgt mit hinterherfahrender Kamera einem beständigen Abstieg seiner Antihelden vom Nullpunkt hinunter in Lebenslaufgossen, worin sich die Figuren im Drogenrausch beherzt mit beiden Händen eingraben. Dann wieder stehen sie ernüchtert vor Schmink-Spiegeln und reden mit sich selbst über ihr Heldentum, reden es sich selber ein.
Als selbst das nicht mehr hilft, lässt Dirk die Hosen runter. Er hält sein Geschlecht in den Spiegel, den Pol seiner Karriere, und folgert von mathematischer Länge auf menschliche Grösse. „Ich bin ein Star“, sagt er unter zunehmender Erregung. Dann wird die Leinwand schwarz: 152 Minuten lang hatte Dirk die Chance, sich zu entwickeln. Er war ganz oben, ganz unten, man hat ihn verprügelt, ihn zum Zeugen einiger Morde gemacht und zum Opfer seiner Drogen. Er hat einen exzessiven Crash-Kurs „Lebenserfahrung“ hinter sich gebracht – aber er hat ihn nicht an sich herangelassen: sein Spiegelbild ist das dumpfste der Welt.
Er ist nicht der einzige Verlierer, mit dem man sich niemals identifizieren wollte. Der Film beherbergt einen ganzen Kanon dieser klebrigen Wichte, Männer wie Frauen. Mit eiserner Konsequenz schneidert „Boogie Nights“ jeder Haupt- und Nebenfigur einen Lebensweg, der zu Anfang viel Geld und Ruhm verheisst und über den schon bald das neue Jahrzehnt, die kühlen 80er, wie eine Walze fährt. Dann liegt der nächste Joint bereit: nur er kann Stohhalm sein, weil zwar alle miteinander untergehen, aber jeder erst einmal sich selbst finden will. Krampfhaft übersehen sie alle, dass sie verlieren und sich selbst schon verloren haben. Die anderen braucht man zum Sex, einer hysterischen Flucht nach vorne, um sich zu beweisen: ich ficke (Filmjargon), also bin ich noch.
„Boogie Nights“ hantiert mit derbsten Vokabeln, deutet als Film-im-Film die Dreharbeiten um kopulierende Paare an, zeigt offen Geil- und Nacktheit. In scheinbarem Voyeurismus beweist der Film seine Ästhetik und seine Größe. Behutsam hebt er einen Mikrokosmos aus seiner Verankerung. Anschliessend prügelt er darauf ein. Dass er dabei mit den Codes eines Pornos spielt, hebt ihn vom Porno ab wie kaum ein anderes Werk.
Die einzige, die außerhalb des Films-im-Film beim Geschlechtsverkehr gezeigt wird, ist die Frau eines Porno-Mitarbeiters. Sie schläft mit fremden Männern, während ein Grüppchen Fachleute dem Geschehen folgt. Endlich zieht der Betrogene die Waffe und läuft Amok. Endlich, weil der Film mit diesem Schuss erwachsen wird, weil er vom Betrachter einer endlosen Party aufsteigen kann zum Reporter eines zerbrechenden Idylls. Von jetzt ab entdeckt manch einer echte Gefühle, echte Intimität, echte Liebe, echten Frust oder echten Hass – und sofort, da er sich selbst aus seiner eindimensionalen Welt herauskatapultiert, muss er zugrunde gehen. Wer über Rausch und Trieb hinausblickt, hat keine Chance in „Boogie Nights“. An solche Verlierer heftet sich die Kamera mit Vorliebe. Aus solchen Verlieren schöpft der Film sein düsteres, betroffen machendes Bild des Mitleids. Er überlässt seine Figuren dem freien Fall, sobald er in sie hineinleuchtet.
Burt Reynolds, der als Pate der Pornoszene von Kunst spricht, wenn er mit allen Mitteln schnellen Sex auf Videokassetten bannen lässt, hat den Golden Globe für seine Leistung erhalten, Mark Wahlberg als Dirk Diggler („dig“ bedeutet „schneller Stoss“) überzeugt hier wie auch alle Nebenfiguren als starrummel-zerfressenes Drogenopfer. „Boogie Nights“ packt ihre Schicksale, umarmt und zerquetscht sie, aber verurteilt sie nicht. Er lässt sie selbst sprechen, er lässt sie selbst ihre Leere finden.
In den Metropolen gilt zur Zeit der kumpelhafte Schulterschluss mit den 70ern: Schlaghosen und Plateauschuhe, grässlich kitschig, grässlich schön. Die 70er, verheisst dieser Retro-Trend wehmütig, stünden für jene Freiheit so kurz vor den ersten Personalcomputern und so kurz nach dem Vietnamkrieg. Schon in den 70ern, verrät dieser Film endlich einmal unbegradigt, lagen Lust und Frust, Traum und Realität ebenso nahe beeinander wie heute auch.
(jr)