CINEMATHEK: BOWFINGERS GROSSE NUMMER

Bowfinger, USA, 1999
Regie: Frank Oz
97 Minuten, FSK: sechs Jahre

Ein Glück, dass wir von diesen Film nicht mehr sehen müssen als die Dreharbeiten: „Chubby Rain“, das soll ein gerade mal 2000 Dollar teures B-Klasse-Werk werden, in dem regentropfenartige Aliens auf die Erde prasseln, mit einem Hauptdarsteller, der noch nicht einmal weiß, dass er in dem Film mitspielt. Zusammengestoppelt aus „Men in Black“ & Co., aus einer gerade zur Zeit beliebig erweiterbaren Liste an Filmen also, die – wenngleich selbst millionenschwer – hier zum Teil in ihr nur leicht verzerrtes Spiegelbild blicken müssten.
Es ist wieder soweit: Dem großen Hollywood wird die Zwischenbilanz seines Treibens vorgelegt. Die neueste selbstreferentielle Studie über die eigentümliche Befindlichkeit im Kino-Eden stammt aus der Feder eines, der sich auskennen muss: Steve Martin, bestbezahlter Klamauker aus der Filmmetropole. Vor wenigen Jahren hat er mit „Agent 00“ die jüngere Mainstream-Filmgeschichte parodiert, nun geht er einen Schritt weiter: In „Bowfingers große Nummer“ zeigt er nicht nur, was aus Hollywood herauskommt – in diesem Jahrzehnt unablässig Extraterrestrisches -, sondern vor allem, woraus Hollwwood selbst gestrickt sein kann: aus abgelegten Diven, normierten Drehbüchern, niederen Interessen. Aber auch: aus Idealismus, der unbedingten Liebe zum Film, der Kraft zum Neuanfang nach einem Flop.
Über solch einen Schiffbruch ist der lausige Produzent Robert Bowfinger (Steve Martin) offenbar noch nie hinausgestolpert. Nun ist er knapp 50 Jahre alt, wähnt nüchtern das Abstellgleis, und hat seinen letzten Freunden schon viel zu lange den großen Film, den Oscar-Coup, versprochen. Da fällt ihm das Drehbuch für „Chubby Rain“ in die Hände. Dessen letzter Satz – „Ihr seid erledigt, Ihr Säcke!“, eigentlich ein Showdown-Langweiler, der an die Aliens gerichtet werden soll, treibt Bowfinger den Glanz in die Augen: Zu gerne wollte er genau das endlich auch einmal selbst in die Gesichter der wirklich großen Konkurrenten sagen können.
Und natürlich kommt es soweit, denn die Aussage, den Glauben an sich selbst nicht zu verlieren, ist ja eine der wenigen ernst gemeinten Stationen in dieser Komödie: „Chubby Rain“ wird also vom Premierenpublikum beklatscht, während die zweitklassige Crew, wohl wissend, dass ihr Werk auf längst leergeernteten Skripten basiert, geradezu hineinversinkt in ihren wahrgewordenen Traum: Sie haben einen echten Film gemacht.
Bis es soweit kommt, zieht Bowfinger freilich unlautere Register: Er telefoniert mit falschen Handys, „leiht“ sich Filmausrüstungen, und jagt seinem Hauptdarsteller, dem weltgrößten Actionstar Kit Ramsey (Eddie Murphy), einfach im Alltagsleben mit der Kamera nach, weil der keine Lust auf die Rolle hat. Um den Unwissenden herum bauen Bowfingers Schauspieler – Kino-Klischeefiguren wie die abgerissene Diva, die nie eine war, der behäbige Beau und die sich hochschlafende Provinz-Göre – ihre Texte, laufen auf ihn zu und flechten ihn ein in ihre Parts.
Mit dem Charakter des Kit Ramsey blickt Steve Martin nebenbei über Hollywoods Einzugsbereich hinaus nach Typisch-Amerika: Natürlich ist der Superstar neurotisch, natürlich flüchtet er sich in die Fänge einer Sekte, natürlich rennt er zu seinem Psychiater. Außerdem fürchtet der farbige Actionheld den Kuklux-Clan und – ausgerechnet – Außerirdische. Und dann stellt Bowfinger seinen Van auch noch ins mexikanische Grenzgebiet, öffnet die Türen und wartet, bis sich das Auto mit illegalen Einwanderern gefüllt hat, die vor den US-Schützen fliehen und ihm billige Kabelträger sein sollen.
Über all dem führt der Halbseidene, ein Stammhalter des ewig belächelten US-Regisseurs Ed Wood, einen Tanz zwischen Dichtung und Wahrheit auf, für den das Zelluloid ja grundsätzlich kein undankbares Forum abgibt: Denn während sich seine eigenen Schauspieler geradezu haltlos artifiziell in Szene setzen, sind die Aufnahmen mit dem zunehmend paranoiden Kit Ramsey echtes Reality-TV: So gut war Ramsey noch nie, so natürlich hat er nie agiert, so glaubhaft hat er sich nie geängstigt. Nicht minder auch dessen Bruder (ebenfalls Murphy), den Bowfinger als Double über einen vollbefahrenen Highway laufen lässt, weil es die Szene eben erfordert: „Chubby Rain“, das ist Trash im Schlepptau der Action-Blockbuster, irgendwie aber wesentlich gefühlsechter. Und diese Grundstimmung färbt auf „Bowfinger“ selbst ab: Man sieht gekonnten Mainstream beim entspannten Lächeln über sich selbst und das Land, aus dem er kommt. (jr)