CINEMATHEK: DAS MÄDCHEN MIT DEM PERLENOHRRING

Girl with a Pearl Earring, GB/LUX, 2003
Regie: Peter Webber
95 Minuten, FSK: sechs Jahre

Es ist wieder einer jener Anfänge – jener meisterlichen Anfänge –, die dem Zuschauer mit nur einem Bild auf der Stelle erfühlen lassen, was es mit der Geschichte, die er sich gerade erzählen lässt, auf sich hat: Griet schneidet Zwiebeln. Sehen tun wir die Köchin noch nicht, nur die Zwiebel, in einer wunderschön ausgeleuchteten Großaufnahme, wie sie geschält und geschnitten wird. Das Messer gleitet in Eleganz, in schwungvollen, schon lange verinnerlichten Bewegungen, mit absoluter Präzision durch das saftige Fruchtfleisch.
Wie soll man dieses erste Bild von Peter Webbers „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ begreifen? Gar nicht. Wer im Kino das Denken anfängt, in der Hoffnung darauf, die Dinge besser zu verstehen, der versteht alles – außer Kino. Diese geniale, einfache Zwiebel, die geschält und geschnitten wird, sie bringt vielleicht das ganze Wesen dieses geheimnisvollen Mediums auf den Punkt. In dem Moment nämlich, wenn wir sie im Kinosaal riechen können, wenn der Geruch einer Zwiebel – den wir alle kennen – in uns geschaffen wird, durch die Bilder auf der Leinwand, und dann, schließlich, wenn sie uns in den Augen brennt und wir trotzdem weiter sehen wollen – dann, und nur dann, erfahren wir Kino.
Es geht um eine Form der Unmittelbarkeit, die nur die Bilder haben, und wo Sprache versagt, weil man sie erst abstrahieren muss, das heißt geistig verarbeiten. Das ist die Schönheit des Bildes, dass es nichts anderes sein kann, als das, was es ist. Diese Kunst ist heute das Kino, gestern war es die Malerei. Und um die von Johannes Vermeer, des niederländischen Malers, geht es in diesem Film – vornehmlich um sein wohl berühmtestes Gemälde, eben jenes geheimnisvolle schöne „Mädchen mit dem Perlenohrring“.
Es ist Peter Webbers Leinwand-Debüt – und was für eines. Eine Geschichte in puristischer Einfachheit erzählt, in intensiven, perfektionistisch-unprätentiösen Bildern eingefangen: Die schöne Griet (Scarlett Johansson) kommt als Magd in das Hause der Familie Vermeer. Als sich der Maler, gespielt von Colin Firth, immer obsessiver zu ihr hingezogen fühlt, gefährdet das nicht nur das Familienwohl des Künstlers, sondern in erster Linie auch Griets Stellung als Magd.
Die Lage spitzt sich zu, als er von seinem lustmolchigen Gönner Van Ruijven (Tom Wilkinson) den Auftrag bekommt, Griet zu malen – was der extrem eifersüchtigen und zerbrechlichen Ehefrau ganz und gar nicht gefällt, besonders, als der Maler auf die Idee kommt, Griet die geliebten Perlenohrringe seiner Frau tragen zu lassen.
Wenn man sich an Sofia Coppolas ruhiges Meisterwerk „Lost in Translation“ erinnert, dann scheint Scarlett Johansson ein klares Faible zu haben für Liebesgeschichten, bei denen kleinste Berührungen zu den intimsten Momenten gehören, die die beiden Liebenden austauschen – vielleicht sind es eben die stärksten. Und ist die Phase, bevor ein Paar zusammenkommt, nicht sowieso die spannendste? Gefangen zwischen unerträglicher Ungewissheit, überbordender Sehnsucht, höchsten Hoffnungen – gibt es nicht hier die schönsten Blickkontakte, die immer alles sagen, und noch öfter nichts?
Scarlett Johansson weiß ihre verführerische Attraktivität geschickt einzusetzen; weiß, dass sie umso intensiver ist, wenn sie in letzter Sekunde verwehrt wird, und sie, bis zum Ende, ein fast unberührbares Objekt der Sehnsucht bleibt. Es ist ihr volles Gesicht, ihre vollen Lippen, diese großen Augen – fast unwirklich wirkt es auf den Filmplakaten, diese personifizierte Weiblichkeit. Es ist ein haptisches Leinwand-Gesicht, man möchte es anfassen, fühlen, man möchte Vermeer sein, es abbilden, und ein Meisterwerk daraus machen. Man müsste sie zählen, die unzähligen Großaufnahmen ihres Gesichtes, mit denen die Macher diese Geschichte erzählen – der Film feiert regelrecht Scarlett Johanssons Gesicht, er nährt sich aus dem Mysterium, das er darum aufbaut.
Es geht auch fast weniger um die Person, die hinter diesem Gesicht steht, und das, was sie von sich gibt – Scarlett Johanssons Dialogsätze lassen sich an zwei Händen abzählen; es geht um dieses extrem sinnliche, reine, natürliche, kaum geschminkte Gesicht, um die reine Oberfläche. Wir sollen keine konstruierten, psychologischen, das heißt abstrakten, Gebilde dahinter interpretieren, wir sollen es ansehen und auf uns wirken lassen – wir sollen es fühlen. Das ist Kino. Vielleicht ist Scarlett Johansson selbst eine Zwiebel, eine einfache, natürliche Zwiebel: Man sieht sie an, lässt sie auf sich wirken, dann fangen die Augen langsam an zu brennen, sie tränen – und doch sieht man sie weiter an…
„Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ ist ein angenehm ruhig erzählter, ein warmherzig und einfühlsamer, ein sinnlicher Film – ein Film für die Sinne. Ein ganz besonderes Filmereignis. Der Film erhielt Oscar-Nominierungen in den Kategorien „Beste Kamera“ (Eduardo Serra), „Beste Ausstattung“ (Ben Van Os, Cecile Heidman) und „Bestes Kostümdesign“ (Dien Van Straalen).
(pk)