CINEMATHEK: DER SCHMALE GRAT

The Thin Red Line, USA, 1998
Regie: Terrence Malick
170 Minuten, FSK: 16 Jahre

Dieser Titel gibt ungewollt die Richtung vor: Auf dem schmalsten Grat wankt der Film selbst. Er ist unentschlossen, unkonzentriert, überladen. Die Kamera folgt dem Dokumentarischen, die Geschichte dem Allgemeinplatz. Nur gut, daß der Film nicht auch noch in Vietnam spielt. Dann wäre es endgültig zuviel gewesen.
Regisseur Terrence Malick hat einen radikalen Antikriegsfilm versucht. Also zeigt er 170 Minuten lang brutalen Krieg, verstümmelte Leichen und verbrannte Seelen. Schauplatz ist der „Hügel 210“, ein naturbelassenes Pazifik-Paradies, das nur Palmen, Ruhe und Frieden kennt. Aber es ist auch ein japanischer Stützpunkt zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Eine US-Schützenkompanie beginnt, die Insel zu erobern, mit der Hölle im Gepäck: das ist ein Sündenfall, die Symbole beginnen zu regnen. Dazu paßt dann auch der Generalblick auf alle universellen Gegensatzpaare: Freund und Feind, Mensch und Natur, Krieg und Liebe. Eine Endlosschleife. Hätte der Film seinen Pfad nur verlassen und sich irgendwo hineingestürzt!
Statt dessen hören wir unentwegt Lesungen aus dem Off, wo einer der Soldaten Fragen heraussprudelt, auf daß sie sich selbst beantworteten: Warum gibt es den Krieg, wo es doch zugleich die Liebe gibt? Warum ist die Natur so prachtvoll und doch so grausam? Wo steckt der eine Keim, der so unterschiedliche Triebe hervorbringt? Hingerissen von der paradiesischen Insel, abgeschreckt vom grausamen Treiben, wurstelt sich die Stimme mit schrägem Pathos durch die Mysterien des Seins. Leid, Gedanken über das Leid, Gedanken über die Gedanken über das Leid. Doch die Winkel-Poesie kommt dem Kern des Krieges nicht näher, sie reflektiert ihn lediglich zu Tode.
Da sind Filme wie „Apocalypse Now“ oder „Platoon“ überlegen: sie fragen erst gar nicht nach dem Warum, sie zeigen das Absurde, den Wahnsinn, einfach und direkt. Und sie haben Helden, an denen man sich festhalten kann – gerade im Sumpf des Unsäglichen. „Der schmale Grat“ aber lichtet gleich ein Dutzend Charaktere ab, die alle um Aufmerksamkeit buhlen. Und keiner kennt den Weg.
Beispiellos auch, wie sich die Figuren ablösen und spurlos untergehen. George Clooney, John Cusack, Nick Nolte, John Travolta und Sean Penn kommen und gehen, und der Soldat, dessen Gedanken wir hören, wird irgendwann erschossen. Die Lebenslinien verpuffen wie in einem Dokumentarfilm. Das ist ergreifend realistisch, aber auch verloren, weil sofort der Spielfilm eingreift und seinen Handlungs-Korken aufpfropft, damit doch nichts verdunsten kann. Die Geschichte zerbricht an den umfassenden Klammern, die sie setzen möchte, um sich selbst zusammenzuhalten.
Terrence Malick hätte sich schon entscheiden müssen: für eine Hauptfigur, für ein Thema, für den Wahnsinn oder dagegen. Für den Feind da draußen oder die zwei Seelen da drinnen. Gut oder Böse. Aber sein Film blickt einmal auf diesen Abgrund, dann wieder auf jenes Paradies. Er erzählt vom schmalen Grat und dann doch von den Extremen, die ihn säumen. Er schwenkt auf ein hungriges Krokodil, dann auf eine arme Vogelleiche. Er verweilt nicht bei einem Thema, er hetzt durch den ganzen Kanon. Er trägt den Zuschauer trocken über einen Damm und vergißt, daß nur derjenige vom Geschehen gepackt werden kann, der kalte Füße bekommt.
Das Thema selbst steht nicht zur Debatte – auch wenn sich kein Krieg vom Zelluloid beeindrucken lassen würde. Aber der philosophische Überbau erdrückt wie eine große Dunstglocke ohne Ventil, denn auf all die Fragen folgt nicht die Erkenntnis, sondern das Erstarren. Tausend Worte auf ein Bild – da hört man das Bild nicht mehr. (jr)