CINEMATHEK: DER UNTERGANG

Der Untergang, BRD, 2004
Regie:
Oliver Hirschbiegel
150 Minuten, FSK: zwölf Jahre

Einmal Führer sein

Er hätte so gut werden können: Das „Kinoereignis des Jahres“, der Film, „der Deutschland aufwühlen“ werde, der „wichtigste Film der letzten zehn Jahre“ – ja, im Vorhinein sah man viel Potenzial in Bernd Eichingers Mammut-Projekt „Der Untergang“. Aber wie so oft, wenn die Erwartungen am höchsten sind, können sie meist automatisch nicht anders, als zu enttäuschen.
Und doch klingen die Grundvoraussetzungen für dieses Filmprojekt so gut: Die letzten Tage des dritten Reiches im Führerbunker filmisch zu dokumentieren, die letzten Atemzüge einer sterbenden Illusion für ein Millionenpublikum spürbar zu machen – nicht intellektuell, das liefern die Geschichtsbücher, sondern so, wie sie sich unmittelbar angefühlt haben muss – das weckt in der Tat Hoffnungen darauf, dass sowohl jene Generation, die sich dem Vergessen und Verdrängen, als auch jene jüngere, die sich dem Desinteresse verschrieben haben, wieder wach gerüttelt werden: Diese Narben dürfen nicht heilen – sonst kann alles noch einmal geschehen.
Er hätte so gut werden können. Aber was lief schief? Die technischen und personalen Bedingungen sind überragend: Ein begabter Regisseur, Oliver Hirschbiegel, der seit seinem „Experiment“ geübt ist in klaustrophobischer Kammerspiel-Atmosphäre; ein 13-Millionen-Budget, dass es sogar erlaubte, den gesamten Führerbunker originalgetreu nachzubauen; Deutschlands erfolgreichsten Produzenten, Bernd Eichinger, der mit seiner Jahre langen Filmerfahrung sogar das Drehbuch schrieb; und nicht zuletzt die vermutlich gesammelte deutsche Schauspiel-Elite als Darsteller-Riege.
An Letzteren lag es am wenigsten, das muss ausdrücklich gesagt werden – natürlich rettet dieser geniale Bruno Ganz den gesamten Film und lässt über die vielen Schwächen hinweg sehen. Es ist seine schwerste Rolle, und den Führer seriös zu spielen, das läuft ganz schnell Gefahr, lächerlich zu wirken. Ein Drahtseilakt, den Ganz gekonnt meistert. Eichingers und Hirschbiegels Vorgabe, Hitler menschlich zu zeigen, als „dreidimensionale Figur“, gelingt ihm zweifellos – vielleicht gelingt es ihm zu gut. Denn obwohl er keine Sympathie schürt, ist er so geschrieben, inszeniert und gespielt, dass diese erbärmliche, verblendete, kleine Kreatur eigentlich nur bemitleidet werden kann. Und Mitleid motiviert ebenso Identifikation. Auch, wenn man es sich nicht eingestehen will, und wenn es nicht im Sinne der Macher ist: Man selbst ist Hitler in diesem Film – vielleicht sind deshalb die ersten Reaktionen so verhalten. Wer will schon der Führer sein?
Wie so oft aber, wenn man nicht weiß, warum ein Film irgendwie nicht so richtig durchdringt, in das Bewusstsein der Zusehenden, ist auf einen Sündenbock immer wieder verlass, und das zu Recht: Das Drehbuch. Natürlich ist man bei historischen Stoffen immer an die Fakten gebunden, vor allem, wenn man einen „authentischen“ Film machen will, und so ziehen sich die Macher geschickt aus der Affäre – „es war nun einmal so“.
Dabei hat die Wirklichkeit viel zu bieten: Die Kunst bei historischen Stoffen besteht weniger im Erfindungsreichtum des Autoren, sondern darin, nur die interessantesten und konsistentesten Fakten zusammen zu lesen und diese zu einer Geschichte zu spinnen. Bei dieser Selektion ging beim „Untergang“ viel flöten, obwohl durch Joachim Fests und Traudl Junges Buchvorlagen sehr viel persönliches Material vorhanden ist.
Er hätte so gut werden können – das Leben dieses Films wird besonders durch der Flut an Charakteren erstickt, bei denen viele schlicht aus dem Grund eingesetzt wurden, um noch mehr Emotionen künstlich zu erzeugen. Die vielen Anti-Kriegsfilm-Versatzstücke beispielsweise, an der Oberfläche Berlins, wo der eigentliche Krieg tobt – es sterben wieder Kinder und Frauen und Alte und Unschuldige. Und alles hat man schon viel, viel besser gesehen.
Radikaler wäre es gewesen, und mutiger, den Film fast gänzlich im Bunker spielen zu lassen, mit weit weniger Figuren, und außer Hitler auch den anderen eine „Dreidimensionalität“ zu geben. Da sind schließlich noch Eva Braun und Goebbels und Traudl Junge – aber alle wirken schal und uninteressant, weil ihnen der Autor keine Konflikte gegeben hat. Aber Menschen ohne Konflikte gibt es nicht, und Figuren ohne Konflikte sind langweilig. Aber vielleicht hat sich Eichinger da auf die historischen Tatsachen beschränkt, die da sagen: Magda Goebbels vergiftet ihre sechs Kinder. Punkt. So steht es in den Geschichtsbüchern. Wen interessiert da noch, wie es dabei in dieser Frau aussah? Die Vielzahl solcher unfreiwillig unklar bleibender Stellen trüben den Gesamteindruck des Films erheblich, und es hat en gros eher den Anschein, das selbst die Macher dem übermenschlichen Charisma des Führers verfallen sind und alles andere um ihn herum als zweitrangig erachtet haben – und scheinbar nichts aus der Geschichte gelernt haben, die sie selbst erzählen.
Und doch ist „Der Untergang“ mit Sicherheit der vielleicht beste deutsche Film des Jahres, der die internationale Konkurrenz nicht zu scheuen braucht – aber er hätte deutlich besser werden können.
(pk)