CINEMATHEK: DIE PASSION CHRISTI

The Passion of the Christ, USA, 2003
Regie: Mel Gibson
127 Minuten, FSK: 16 Jahre

Es gibt nicht viele Filme, die im Stande sind, im Grunde die gesammelte westliche Welt in zwei Lager zu spalten. Das spricht für die Macht des Mediums, auch aber für seine Gefahr. Mel Gibsons dritte Regiearbeit nach dem „Mann ohne Gesicht“ (1993) und dem oscarprämierten Meisterwerk „Braveheart“ (1995), führt der tiefgläubige Regisseur seinen Zuschauern das vor Augen, was er am Ende seines letzten Filmes im Off hat geschehen lassen: Die grausige Folter eines Menschen und den Märtyrertod – im Film oftmals die bitterste und gleichsam ehrenvollste Art, über den Jordan zu schreiten.
Als Gibson vor ein paar Jahren ankündigte, die letzten zwölf Stunden im Leben Christi zu verfilmen, und das in den Originalsprachen Lateinisch und Aramäisch, hielt ihn im Grunde jeder für völlig durchgeknallt, und obwohl die Untertitel, auf die Gibson ursprünglich verzichten wollte, weil sich der Film nur durch die Bilder erzählen lassen sollte, nun doch auf die Leinwand geworfen werden, steht, nun, da der Film bundesweit zu sehen ist, eines fest: Gibson ist wirklich durchgeknallt. Und das kann man sowohl positiv, als auch negativ bewerten.
„Die Passion Christi“ auf jeden Fall, das sind 127 Minuten Folter, 127 Minuten Qual, 127 Minuten Schmerz. Und wieder: Das ist nicht wertend gemeint, denn das wohnt der Absicht des Autors inne. Und der Film ist, trotz seines außergewöhnlichen Erfolges an den amerikanischen und deutschen Kinokassen, im Grunde alles andere als ein glatt gebügelter Hollywoodschinken, der von unzähligen Instanzen verändert und abgesegnet wird, bevor ihn der Zuschauer zu sehen bekommt. Es ist ein zutiefst persönlicher Film, ein „Bekenntnisfilm“, wie Gibson selbst es ausdrückt, mit einem Konzept, das anmutet wie ein Experimentalfilm: Jesus Christus zwei Stunden bei der Folterung zu beobachten – so simpel ist das Konzept; es ist nur dieses eine Thema: Die Passion Christi. Ein Mensch leidet für die Sünden aller. Und so viel, wie Jesus in diesem Film leidet, so viel, wie er in diesem Film blutet – und der Zuschauer mit ihm –, das sagt viel über das Menschenbild von Mel Gibson.
Man kann dem Film nicht vorwerfen, die Lehren Christi auf seine Passion zu reduzieren, wie das viele Kritiker tun – Gibson und sein Film erheben nie den Anspruch auf Universalität, auch wenn hie und da Bezüge auftauchen zu seiner Lehre. Gibson setzt sie, genau wie die Geschichte Christi bis vor seiner Verhaftung im Garten Gethsemane, einfach voraus, was den katholisch weniger versierten Zuschauern nicht unbedingt zu Gute kommt. Aber, wie gesagt: Das ist kein Film über das Leben von Jesus Christus, es ist ein Film über sein Leiden.
Egal wie man zu diesem Film steht – gesehen muss man ihn aber haben, um sich ein Urteil zu bilden –, man muss seinem Regisseur auf jeden Fall ein paar Dinge zu Gute halten. Dass er in bester Independentfilmer-Manier seinem Film mit 25 Mio. Dollar aus eigener Tasche finanziert hat, und sich von niemandem hat etwas sagen lassen, „sein Ding“ durch gezogen hat; das lässt in diesem Film eines sichtbar machen, was den großen Filmen aus der Traumfabrik fehlt: Nämlich die eindeutige Haltung und die individuelle Handschrift des Regisseurs, die sich in diesem Fall weitestgehend im Inhalt widerspiegelt, und nicht in der Form. Denn da weiß Gibson um die Wirksamkeit der Mittel des Mediums, und spart auch nicht an deren Einsatz: Massenweise Zeitlupenaufnahmen, beste Computereffekte, Pathos in Reinform, usw. – der Film wirkt fast wie ein Art-House-Film, der auf Hollywood-Größe aufgezogen wurde.
Und, was vielleicht am wichtigsten ist: Der Film beleuchtet eine Facette des Lebens Christi, das bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht wirklich im Bewusstsein vieler Leute verankert war. Dass Christus für uns am Kreuz gelitten hat, für uns dort gestorben ist, das ist man gewillt, als blankes Faktum vielmehr intellektuell, als emotional aufzunehmen. Unsere Welt ist voller Kruzifixe in Häusern, Kirchen, Straßen – viele tragen eines um den Hals.
Die Frage ist: Was bedeutet dieses Bild des am Kreuz sterbenden Jesus für uns? Was sehen wir darin? Für viele mag es ein vergeistigtes Symbol für den Glauben an Gott und das Gute in der Welt sein. Aber das ist eine intellektuelle Auslegung, die geistig-kühle Interpretation einer ganz und gar physischen Situation: Jesus leidet und stirbt am Kreuz, in unvorstellbarer Agonie.
Die meisten sehen beim Betrachten eines Kruzifixes sicher nicht das, was Gibson uns in seinem Film zeigt, weil es schwer ist, solche Bilder emotional zu ertragen, und „Die Passion Christi“ ist zweifellos von der Sorte Film, die man entweder abgöttisch verehrt, oder die man zutiefst verabscheut – und in beiden Fällen sagt das Urteil, das man sich über den Film bildet – so, wie es bei jedem Urteil der Fall ist –, rein gar nichts über den Film selbst, sondern alles über den Zuschauer.
(pk)