CINEMATHEK: ERLEUCHTUNG GARANTIERT

Erleuchtung garantiert, BRD, 1999
Regie: Doris Dörrie
108 Minuten, FSK: zwölf Jahre

Das war jetzt an der Zeit: Am Ende ist Gustav (Gustav-Peter Wöhler) zwar noch immer verheiratet, aber schwul. Er hat genug davon, ständig über die Mauer zu klettern, die Doris Dörrie schon in ihrem Durchbruchswerk „Männer“ zwischen die Geschlechter gestellt hat. Also bringt er mit seinem Coming-Out die ganze Angelegenheit endlich unverhohlen auf den Punkt: Männer und Frauen, das ist schlichtweg ein Ding der Unmöglichkeit.
Um uns dahingehend zu erleuchten, musste die Regisseurin ihren Diskurs offensichtlich nicht sonderlich weitertreiben; in aller Freizügigkeit zieht sie deutliche Parallelen zum immerhin bald schon zwanzig Jahre alten Vorgänger: Damals wie heute geht es um den Ausbruch aus der Ehe, um zwei unterschiedliche Männer, um ihre gemeinsame Isolation und Verbrüderung auf der Insel der Midlife-Crisis. Es geht um hartschalige Charaktere, die plötzlich eine Auszeit brauchen, um sich neu zu ordnen. Es geht um die, die seit ihrer Pubertät all die ganz großen Fragen von sich gewiesen haben – und jetzt aufholen müssen mit ihrer Philosophie.
Ob sie sich im Anschluss daran wieder in ihre frühere Existenz eingliedern können, hat die Regisseurin schon in „Männer“ nicht besonders interessiert, heute bleibt es völlig offen: Sie ahnt wohl, dass der Anpfiff zur zweiten Halbzeit noch lange keine Revolution bedeuten muss. Hauptsache weg!
In „Erleuchtung garantiert“ lassen sich die Brüder Gustav und Uwe (Uwe Ochsenknecht), zwei Gesichtsarme Vorstadt-Überlebende, auf die Spielbank pfeifen: Der bodenständige Uwe verkauft tagsüber Einbauküchen, bis ihn seine Frau samt Kindern Hals über Kopf verlässt, der hypersensible Gustav verkauft sich als Feng-Shui-Berater, während seine Gattin fremdgeht. Im Rausch schließen sich die beiden zu einer Meditationsreise in ein japanisches Kloster zusammen.
All das packt Doris Dörrie hastig zusammen, denn von zerbrechenden Vasen will sie eigentlich überhaupt nicht erzählen – sie bevorzugt die bereits zerborstenen. Also hämmert sie hektisch noch die letzte Scherbe herbei, indem sie den Figuren auch die Reste ihrer bürgerlichen Sicherheit entreißt: Kaum in Tokio angekommen, büßen die Brüder ihr Bargeld ein, ihre EC-Karten, ihren Orientierungssinn.
Diese äußere Läuterung trifft im Kloster auf einen schwammigen spirituellen Gegenpart: Schnell ist der bodenständige Uwe ein aufgeweckter Lehrling, während der betont intellektuelle Gustav an seinen zwei linken Händen verzweifeln muss. Ohne Zweifel wuchern hier Stereotypen vom ungeschliffen-natürlichem Sein versus verkrampftem Sein-Wollen, doch verzeiht man sie der Regisseurin gerne: Alles in allem paart sie ihre achtenswerte Beobachtungsgabe für Befindlichkeits-Nuancen nach wie vor mit jenen eigentümlich ironischen Zwischentönen, die spielerisch aus schrägen Schnittfolgen hervorgehen.
Dauerhaft unangenehm stößt da eher die körnige Kumpelhaftigkeit auf, auf die es Handkamera und Camcorder anlegen, mit denen der Film gedreht wurde: Ach, ’s ist der Uwe von nebenan, soll das heißen, doch letztlich sieht man ihn schlicht unscharf und hört ihn schlecht. Dabei wäre das Ziel, Alltäglichkeit zu vermitteln, schon deutlich genug geworden über Dörries Schachzug, den Figuren die Namen der Schauspieler zu geben, die sie spielen. Und die hätten sich auch vor besseren Aufnahmegeräten derart souverän unprätentiös in Szene gesetzt, als wären sie nie über Hochhausviertel, defekte Zigarettenautomaten und andere erfüllte Stadtrand-Alpträume hinausgekommen. Dennoch: „Erleuchtung garantiert“ bleibt eine nette Komödie über morsche Brücken und verhaltene Perspektivwechsel. Neue Ufer eben.
(jr)