CINEMATHEK: FAHRENHEIT 9/11

Fahrenheit 9/11, USA, 2004
Regie: Michael Moore
122 Minuten, FSK: zwölf Jahre

Die Temperatur, bei der die Freiheit schmilzt

Nach dem Oscar für den Besten Dokumentarfilm für „Bowling for Columbine“ waren die Erwartungen groß, die die Öffentlichkeit in Michael Moores neuestes Werk, „Fahrenheit 9/11“, setzte. In Anlehnung an Ray Bradburys Science-Fiction-Roman „Fahrenheit 451“, bei dem die Temperatur, bei der Papier schmilzt, als Bild für die Unterdrückung von Meinungs- und Gedankenfreiheit benutzt wurde, beschreibt Moore in seinem kontrovers diskutierten Film, wie sich die Verhältnisse in Amerika unter George W. Bush seit dem 11. September 2001 verändert, vielmehr: verschlimmert haben. Bei Moore ist es die Freiheit, die verglüht – das amerikanische Urgut schlechthin, das von jeder politischen Seite beansprucht, vereinnahmt, instrumentalisiert wird.
Große Kontroversen erwartete man von diesem Streifen, und wer nicht gerade ein Spezialist in Sachen Bush-Regierung und -Politik ist, der wird doch sehr überrascht sein, welche faux-pas sich der amtierende Präsident des mächtigsten Landes der Welt geleistet hat und wie viel Dreck er wirklich am Stecken hat: Die geschäftlichen Beziehungen zum Beispiel, die die Bush Familie mit den Saudis unterhält – mehr als 1,6 Milliarden Euro investierten sie in die Unternehmen der Präsidentschaftsfamilie. Bei solchen Summen gehört es sich natürlich – als Geste unter Freunden – dass man zwei Tage nach dem elften September die gesamte Familie Bin Laden aus dem Land eskortieren ließ. Selbstverständlich ohne sie nach Informationen zu Osama zu befragen.
Moores Film tut gut daran, dass er die kriminellen Umstände, in denen Bush die Wahl gewann – nämlich Betrug –, am Anfang des Films noch einmal erzählt, die alten Wunden wieder aufreißt und sich fragt, ob die letzten vier Jahre Bush nicht nur ein schlimmer Traum gewesen seinen. Aber es war kein Traum. Es war Wirklichkeit. Die der bitteren Sorte. Mit zwei Kriegen und Hunderttausenden von Toten. Und hat sich die Lage gebessert? Oder gibt es einen realistischen Grund, das zu glauben? Die Antwort, die die Gegenwart bietet, ist klar – deshalb trifft Moores Exposition umso tiefer ins Mark: Weil das alles auf einer großen, von den Medien lancierten Lüge fußt.
Was Michael Moores Bücher und Filme aber so spannend und für jedermann zugänglich machen, ist, dass er die haarsträubenden Argumente und Angriffe mit soviel beißendem Sarkasmus herüberbringt, und die Wahrheiten über die Bush-Administration und den Irakkrieg so grotesk und absurd erscheinen lässt, dass das Entsetzen meist nicht intensiver ist, als das Gelächter. Das macht seine Kost auch weniger schwer. Was beim Anblick zerfetzter irakischer Babys und Kinder auch bitter nötig ist.
Obwohl Moores Mangel an kühler, intellektueller Seriosität ihm bei vielen Höhergebildeten übel genommen wird, ist der Film alles andere als unintelligent. Es ist gerade der hohe Grad an Emotionalität, mit denen er eine so viele Menschen erreicht. Sicher sind seine Kausalketten bisweilen einfach geflochten, aber der Zweck legitimiert sie: Er schlägt das Bush-Amerika mit seinen eigenen Waffen.
Moores Talent, seine Gegner an den empfindlichsten, weil peinlichsten Stellen zu treffen, stellt er auch in diesem Film wieder unter Beweis. Vize Verteidigungsminister Paul Wolfowitz zum Beispiel, der sich vor einem Fernsehinterview vor laufender Kamera in unbekümmerter Eitelkeit in die Hände spuckt, um seinen Scheitel zu stylen. Aber auch die Vorbereitungen von George W. Bush auf eine TV-Ansprache, die im Film gezeigt werden, sind alles andere als souverän: Bewundernswert und gleichzeitig schockierend ist es, wie er seine Gesichtsmuskeln auf nahezu groteske Weise verformt, um die Zuschauer über die Folgen des 11. Septembers zu informieren.
Es ist also von vornhinein klar, dass das Bild, das Michael Moore vom amtierenden Präsidenten zeichnet, nicht gerade das eines souveränen Amtsinhabers ist: Bush nach Moore ist dumm, martialisch, oberflächlich, ungebildet, faul, größenwahnsinnig, heuchlerisch, uneloquent und unmanierlich. Wie viel davon der Wahrheit entspricht, wissen nur wenige. Das Archivmaterial, das Moore in gelungenen Montagen verwendet, um Bushs’ Charakter und sein Auftreten in der Öffentlichkeit zu beschreiben, spricht aber Bände.
„Fahrenheit 9/11“ erreicht zwar nicht ganz den emotionalen Impetus, der vor zwei Jahren „Bowling for Columbine“ so gut gemacht hat, aber er kommt sehr nah heran: Auch für die Zahl derer, die sich als bereits aufgeklärt wissen über die „Bush-Affäre“, ist dieser Film ein absolutes Muss – denn wie wertvoll dieser Film als Dokument unserer Zeit ist, wird sicher erst in einigen, vielen Jahren landläufig realisiert werden.
(pk)