CINEMATHEK: FRAU RETTICH, DIE CZERNI UND ICH

Frau Rettich, die Czerni und ich, BRD, 1998
Regie: Markus Imboden
95 Minuten, FSK: sechs Jahre

Im Anfang war das Wort, respektive der Spanisch-Kurs: Europa wackelt mit den Hüften, wilde Stiere allerorten, und drei Mädels von beliebiger Tankstelle giert es nach bilateralem „Sexual“. Der Begriff steht zwar nicht im Duden, reicht aber allemal als rotes Fädlein für ein Road-Movie von Frankfurt nach Barcelona, wo fleischgewordene Torero-Träume schmachtend harren. So setzen sich Frau Rettich, die Czerni und sie, die Erzählerin, also in den roten Ford Fiesta, frohlocken und sprechen über Männer.
Es trieft vor Symbolen: Fiesta ist das spanische Wort für Fest, das beständige Blockieren der linken Autobahnspur eine Art Manifest – hier flitzt die neue Frau, in ihrem eigenwilligen Emanzipationsverständnis kaum abzubringen vom direkten Kollisionskurs mit platten Machos; diese Frau taucht von einem Schaumbad der Gefühle ins andere, ohne auch nur eine Balzparty zu verpassen; diese Frau liest keine Hera-Lind-Bücher, sie ißt sie. Diese Frau kommt leider nicht allein, sondern zu dritt.
Die Lebensphilosophie der Damen vom Grill wird nachgereicht wie verkohlte Würstchen, die keiner bestellt hat: Deutschland ist böse, der Franzose an sich unmöglich – aber der Spanier, oh, der Spanier! „Wir haben uns nur ganz ordinär unterhalten“, räsonniert die altjungferliche Czerni einmal. Befreiend, daß auch sie’s gemerkt hat.
Immerhin vermögen die leeren Figuren nicht mehr zu sein als Staffage in einer Geschichte, die den „verschissenen Erdball“ (O-Ton) ablichtet und ein paar untreue Männer gleich mit – die volle Ladung Postmoderne in ihrer ehrlichsten Art und Weise: sage nicht mehr aus, als der Gummibegriff zuläßt; idealerweise also nichts. Daß ein solches Experiment aus der Haarnadelkurve zielgerecht in ein schwarzes Loch schießen kann, zeigt Regisseur Markus Imboden mit „Frau Rettich, die Czerni und ich“.
Er hat sich gleichnamigen Bestsellerroman von Simone Borowiak zur Brust genommen. Entstanden ist ein Werk, in dem die Figuren wie auf Kommando schweigen, sobald der Text über Floskeln hinauswachsen soll. Dann sitzt frau da und wartet auf die Abblende. Allgemeinplätze reihen sich an ihresgleichen, bis vor lauter Sinnfreiheit einleuchtet: es gibt einfach nicht mehr zu sagen, in der Zeit nach dem Paradies. Man turnt lebensabschnittsgefährenlos an der Costa Brava umher, lechzt nach dumpfen Klischee-Schwulen (billig: Dirk Bach) und kippt den Sekt noch schnell gallonenweise hinunter, bevor der nächste Beziehungs-GAU eintritt: Mach mir erst den Ballermann und dann die Magenspülung.
Das Wort „peinlich“ kennt der Film nicht, er internalisiert es geradezu. An jeder Ecke zwickt es, werden die teigigen Pointen noch mal geknetet bevor sie zerplatzen und verkrusten. „Hier werden langsam alle verrückt“, ahnt Bakunin (Thomas Heinze), der Unbeteiligtste von allen in seinem Standardsatz. Seinetwegen läßt die Erzählfigur Sophie (Jeanette Hain) alle Runden in diesem Boxkampf der Geschlechter Teller und Tassen fallen, weil sie geradezu zum stotternden Trampel mutieren muß, wenn dieser Traummann in ihrer Nähe ist. Schicksale.
Die Dialoge entspringen direkt der Hölle, die Darsteller, aus dem Archiv gezogen, haben mal eine Zigarette im Mund, mal eine Hand im Gesicht, nie aber einen Ausdruck. Einzig Iris Berben als Frau Rettich wahrt sich eine Nische, in der sie breitbeinig herumsteht und wie eine abgelegte Diva den Espresso über das Hochzeitskleid fließen läßt. Wo bleiben die apokalyptischen Reiter?
Die Hochzeit fungiert scheinbar als fulminanter Höhepunkt der selbsternannten Komödie: sie findet nämlich nicht statt, weil der Spanier schon eine andere im Arm hält. Iris Berben droht, daß sie einen Anfall bekäme, doch erlischt ihr Feuer, als sie zwischen den Rosenblüten im Swimming-Pool landet. „Habt Ihr noch nie eine Hochzeit gesehen?“. Fragen über Fragen, deren Antworten noch nicht einmal ausbleiben, weil sich die drei immer gleich zur „Krisensitzung“ zurückziehen. Und die Worte beginnen zu purzeln, ohne daß es Licht würde in diesem Bergwerk der Gefühle. Abenteuer Wohngemeinschaft.
Schade, daß die deutsche Komödie immer wieder so tief in der Deponie des Unkomischen wühlen muß. Da fällt es schwer, Filme wie den „Bewegten Mann“, „Knockin‘ on Heaven’s Door“ oder „Rossini“ nicht als unbewußte Glücksgriffe abzutun.
„Fördergelder scheinen zum Mittelmaß zu verführen“, mutmaßt die Zeitschrift „Gilde Kino“ im Hinblick auf das Werk. Entsprechend hegt man „Unverständnis“ für dessen Nominierung zum „besten Film“ im Rahmen des „Deutschen Filmpreises ’98“. „Wenn’s so weitergeht, hat es sich bald ausgelacht“, so das Resumee. Wer 90 Minuten lang Fiestas von vorne, hinten und oben zeigt, dazu ein paar betrunkene Gestalten, die so transparent sind, daß sie noch nicht einmal einen Schatten werfen, hat schon heute ein unglücklich avangardistisches Verständnis von Humor.
„Nächstes Jahr fahr‘ ich wieder ins Salzkammergut“, meint Rudi (fast komisch: Olli Dietrich), der eingegipste Pedant, der der Czerni (Martina Gedeck) nach Spanien nachgereist ist. Ein himmlischer Einfall, rufen wir ihm zu – und nimm‘ bloß keine Kamera mit.
(ir)