CINEMATHEK: HINTERHOLZ 8

Österreich, 1998
Regie: Harald Sicheritz
105 Minuten, FSK: sechs Jahre

Der Österreicher an sich schlägt ja jeden Ostfriesen. Der Wiener im speziellen aber bleibt konkurrenzlos: Tiroler, Steirer und Anrainer des Wolfgangsees toppt er mit einem Hammerschlag. Daß aus diesem bislang vermeintlichen Vorurteil endlich Gewißheit erwächst, ist Harald Sicheritz, selbst alpin betroffen, zu verdanken: Seine rabenschwarze Komödie Hinterholz 8 rollt die Grenzen der Zivilisation auf. Sie liegen im Wienerwald.
Nur tritt Sicheritz seinen Beweis dummerweise mit den Untiefen des Häuslebauens an, was aus dem Wiener Helden wieder einen europäischen Jedermann macht und den Österreicher als solchen aus der politisch unkorrekten Schußlinie nimmt. Übrig bleiben nur die Untertitel, weil der Film zwar in Deutschland verstanden sein, aber auch seine lokale Prägung wahren will. Letztlich kommt es Sicheritz eben doch darauf an, daß man sein Hintahoiz nicht mit jedem beliebigen Hinterwald verwechselt. Er weiß, sein Publikum kann auch einmal ganz ungezwungen über sich selber lachen.
Die Geschichte um Familie Krcal, die sich auf dem Land ein Haus bauen möchte, das sie sich eigentlich nicht leisten kann, läßt zwei Ausgänge zu, von denen Sicheritz den ruinösen vorgezogen hat: kein eigenes Heim, keine freundlichen Nachbarn, kein glückliches Ende. Am Anfang plagt die Krcals nur die Parkplatzsuche bei ihrer Wiener Mietwohnung; am Ende die Scheidung, die Bank, eine Ruine, und der Wahnsinn.
Der ganze Film ähnelt einer Zwiebel, ist eine Geschichte in der Geschichte in der Geschichte, bis der letzte Heimwerker in der Reihe auf die Fernbedienung drückt und jene Rabenschwärze einkehren läßt, derer sich die fast schon tragische Komödie die ganze Zeit bedient hat. Unschuldig lustig ist das alles nur, solange die Krcals noch nicht im Baumarkt waren, keine stromleitenden Wände tapeziert und das Pestgrab im frisch ausgehobenen Keller noch nicht entdeckt haben. Als Herr Krcal dann endlich im Matsch neben den Skeletten liegt, offenbart sich derbster Wiener Schmäh in blendender Kooperation mit der Dekonstruktion des Helden: „Das ist ja wieder typisch Schwager. Gräbt sich sein eigenes Grab, und dann ist es schon besetzt“, sagt ein verwandter Architekt vom Rande des kleinen Babylons herab. „Genau“, denkt sich der arme Krcal da wohl, und mit diesem Wort bestreitet er einen Großteil des Films. Das klingt am Anfang noch nach „redet nur, ich weiß selbst am besten, wie man ein Haus baut“, später meint es „macht nur“ und ganz zum Schluß vermag sich in dem kleinen Wort das ganze große Unglück zu sammeln.
„Mein Haus! Mein Auto! Mein Boot!“, heißt es im Werbespot der Sparkasse, nur dem Krcal gelänge da kaum Prahlerei, denn mehr als Fotos von Bauschutt und Metallschrott bleiben ihm nicht. Der Hinweis auf das Boot gewinnt indes Berechtigung: Nach einer Geiselnahme wird die ganze Fiasko-Familie schließlich an Bord des Raumschiffs „Enterprise“ gebeamt, mit dessen Captain Kirk sich Sohn Philipp ohnehin die ganze Zeit über unterhalten hat. Hier nun blüht das Kryptische, letztlich aber antwortet die Szene nur auf die verworrenen Kreditkonditionen, mit denen die Bank den Krcals den Garaus gemacht hat. Außerdem sprengt Hinterholz 8 an dieser Stelle auch symbolisch alle Rahmen: Mit Türen und Fenstern birst die ganze Wirklichkeit hinweg, wird mit dem mißlungenen Hausbau ein zivilisatorischer Grundstein angesägt – Neandertal ist nah.
Den Weg zu dieser Erkenntnis machten die dankbaren Klischee-Figuren frei, wäre er nicht sowieso schon gefegt: Daß der Kamin im Wohnzimmer landet, die Tapeten mit dem Putz abfallen und das Bodenschleifen primär zu unglücklichen Löchern führt, bleibt ebenso berechenbar wie der familiäre Bruch und die sarkastische Ausleuchtung des ganzen Schubkarren-Schicksals. Manch eine Szene knarrt da wie ungeölte Türen. Dennoch: Hinterholz 8 ist kein Serien-Fertigbau, sondern ein nettes Kino-Landhäuschen. Obwohl oder gerade weil der ganze Film nicht so recht weiß, welchem Genre er den Zuschlag geben soll.
Einzig sicherer Fels in der Baracken-Brandung bleibt schließlich nur Philipp, der sich unabhängig von den Dächern über seinem Kopf nirgends in dieser Welt zuhause fühlt: „Auf diesem Planeten gibt es kein intelligentes Leben“, konstatiert er, wo immer er hinkommt. Im Bannkreis von Hinterholz 8 gibt es darauf nur eine Antwort: Genau. (jr)