CINEMATHEK: JUNIMOND

Junimond, BRD, 2001
Regie: Hanno Hackfort
89 Minuten, FSK: sechs Jahre

Die Melancholie des Mondes

Am Ende der Hofer Filmtage 2002 hieß es über Junimond, es sei ein „trauriger Film, aber einer der schönsten des Festivals“. Nicht, dass sie sich jemals ausschlössen, diese beiden Attribute, im Gegenteil: Aber es ist gerade die Traurigkeit, die sich in diesem wunderbaren Film langsam verwandelt in Hoffnung, Freude und inneren Frieden. Die Katharsis, man ahnt es, ist in dieser tragischen Liebesgeschichte der Tod, und es ist der großen Finesse des Autor/Regisseurs Hackfort zu verdanken, den Zuschauer an dieses prekäre Thema heran zu führen, ohne der Schwermut zu verfallen – loszulassen, ohne zu verdrängen.
Verdrängung, die Flucht vor dem Früher: Paul (glänzend: Oliver Mommsen) tippt mit geschlossenen Augen auf die Landkarte und landet in Paderborn. Der Einzelgänger und leidenschaftliche Hobbykoch aus Berlin flieht aus der Anonymität der Großstadt, um zu vergessen, zu verarbeiten, um ein neues Leben anzufangen – er flieht in die Anonymität der Kleinstadt: Nur langsam findet er sich zurecht, in dieser anderen Welt, in deren Supermärkte es keine frischen Feigen gibt: „Die isst doch keiner“. Und langsam kommen sie auch wieder, die schmerzhaften Erinnerungen als Soldat im Kosovo, aufgrund derer er den Schlussstrich gezogen hat, mit seiner Vergangenheit.
Verdrängung, die Flucht vor dem Früher: Nele (noch glänzender: Laura Tonke) reißt den Telefonstecker aus der Buchse, um der Pein zu entrinnen, die die alkoholkranke Mutter und der fremdgehende Vater ihr zufügen. Die Ergotherapeutin leidet sehr unter dem Schleier des schönen Scheins der Ehe, der nur mehr in Fetzen vor der Wahrheit flattert: Es geht den Bach hinunter. Auch sie ist alleine, leidet – wie der neue Nachbar gegenüber – unter den Grenzen, die sie sich selbst auferlegt, und in denen sie sich einbildet, glücklich zu sein.
Geräuschlos minimalistisch kommunizieren Paul und Nele anfangs, über Wortfetzen auf DinA4 gekritzelt, ans Fenster gehalten: Ihr Leben, in der Tat eine Spiegelung auf einer unsichtbaren Achse – die anfängliche Distanz wird ihre Beziehung lange bestimmen, denn die Angst, sich zu binden, geht mit der Angst des unwiderruflichen Endes einher. Nicht Eros, sondern Philia prägt ihre Freundschaft, der große Schalk scheint wie immer im Recht zu sein: „Alles, was entsteht, ist werth, dass es zu Grunde geht“. Nur in Pauls Imagination, auf jener Ebene seiner Selbst, die seine tiefsten Wünsche, aber auch die größten Ängste und abgespaltenen Erinnerungen beherbergt, nähern sich die beiden schneller. In Wirklichkeit bewegen sie sich in Ameisenschritten auf die Liebe zu, und enthalten die Geheimnisse, die sie auch vor sich selbst hüten, natürlich, dem Anderen vor. Aber gerade, weil sie sich in ihrer Wesensart so ähneln, wachsen sie an ihrem Gegenüber, ihre Projektionen treffen auf Wirklichkeit – Minus und Minus ergibt Plus.
Pauls Vergangenheit aber, lastet zu schwer auf seiner Brust: Die Galle hat sein Blut geschwärzt: Er hat Leukämie. Seine Rechung ist nicht aufgegangen, er hat sich auf die falsche Heilung eingelassen: „Überlass es der Zeit“ proklamierte einst Doktor Theodor Fontane und hat damit einer der großen Lügen der Literaturgeschichte fruchtbaren Boden verschafft. Das Rezept zieht leider nicht mehr: „Ab jetzt gibt es nur noch jetzt“ sagt Paul zu Nele und die beiden wagen das, was sich vorhin nur in den Köpfen abgespielt hat: Sie gestehen sich ihre Liebe ein. Das Damoklesschwert, das über ihren Herzen baumelt, es reißt die letzen Grenzen ein, die sie von sich selbst und von einander trennen: Jetzt ist es Zeit, allerhöchste Zeit, die alten Wünsche der Vergangenheit zu erfüllen: Mit einer DS – einem 60er Jahre Citroen – nach Frankreich fahren.
Jetzt wird es endlich bewusst, das Unbewusste: Nele schließt das Telefon wieder an und bekommt Nachricht von ihren Eltern: Es geht den Bach wieder hinauf. Bei Paul allerdings, ist es zu spät: Zu schwach ist er, um mit der Frankreich-Landkarte, die ihm Nele gibt, zu navigieren. Sein Objekt der Katharsis vermag es nicht, sein Schicksal zu wenden, aber der goldene Sonnenaufgang in den Vogesen treibt ihm ein letztes Mal Leben in das blasse Gesicht, so dass er Frieden findet, im Tode. Und auch Nele hat gelernt, mit dem Tod als ständigem Begleiter des Lebens umzugehen, hat gelernt, dass es die Liebe ist, die uns die Kraft gibt, loszulassen, ohne zu verdrängen.
Einfühlsam und mit Liebe zum Detail inszeniert Hackfort seine bescheidene, ruhige und ehrliche Geschichte, schafft auch mit Hilfe des wunderbaren Soundtracks genau die richtige Atmosphäre, die in und hinter den Bildern schlummert, so dass der Zuschauer seine eigenen Grenzen langsam einreißen kann, um in der Geschichte zu versinken.
(pk)