CINEMATHEK: KILL BILL

Kill Bill, USA, 2002
Regie: Quentin Tarantino
110 Minuten, FSK: zwölf Jahre

Tarantino und die totale Reduktion

Lange hat er seine Fans in aller Welt warten lassen, Quentin Tarantino. Sechs Jahre sind es seit seinem letzten Film „Jackie Brown“ her. Und nun können sie, die todessehnsüchtigen Tarantinomanen, nicht nur ihrem Meister endlich wieder huldigen, sondern auch ihrer eigenen voyeuristischen Lust an der Gewalt frönen – davon nämlich, gibt es in „Kill Bill“ mehr als genug.
Dabei scheint sich der Regisseur eines ganz simplen, harmonischen Gleichgewichtsprinzips verschrieben zu haben: Je mehr Gewalt, desto weniger Plot. Obwohl das so nicht ganz richtig ist, denn der Regisseur hat, um Kürzungen zu vermeiden, den Film in zwei Teile gespaltet – die ganze simple Geschichte zieht sich also über 3 Stunden. Es sollte also folgendermaßen lauten: Je mehr Gewalt, desto platter der Plot. Der da ist: Uma Thurman spielt die Braut, und ihr Name wird, jedes Mal, da er ausgesprochen wird, mit einem Piepston zensiert. Er wird anonymisiert, abstrahiert und reduziert, wie der ganze Film, auf ein Prinzip – das Prinzip Vergeltung: Uma Thurman ist schlicht und einfach die Braut, die auf Rache sinnt.
Vor Jahren war sie Mitglied im Profi-Killer-Team des „Deadly Viper Assassination Squad“ – die ‚Charlie’s Devils’ gewissermaßen – unter der Führung des im ersten Teil noch gesichtslos bleibenden Bills. Doch irgendwann hat sie die Schnauze voll vom Töten, steigt aus und möchte ein neues, ganz normales Leben anfangen. Aber die Hochzeit in weiß wird für die Schwangere eine Hochzeit in rot – die übrigen Vipers richten ein Blutbad an; Uma Thurman landet nach einem Kopfschuss aus Bills Pistole im Koma, verliert ihr Baby, ihren Gatten, ihr neues Leben. Als sie aufwacht und erfährt, dass sie von ihrem Krankenpfleger sexuell missbraucht wurde, brennen sämtliche Sicherungen durch bei ihr, und dann geht es wieder los, das Töten.
Eine Liste hat sie, mit den fünf Namen der deadly Vipers und einer nach dem anderen, werden von ihr niedergemäht: Ihr zweiter Mord führt sie nach Japan, wo sie sich ein Samourai-Schwert anfertigen lässt, und sich die schöne O-Ren Ishi vorknüpft, die inzwischen zur erbarmungslosen Chefin eines Yakuza-Kartells aufgestiegen ist. Dass die Kontrahentin der Braut gerade von einer der drei Engel von Charlie, Lucy Liu, verkörpert wird, unterstreicht dabei den satirischen Charakter, mit dem Tarantino seine Geschichte (im weitesten Sinne handelt es sich um eine) erzählt.
Dass die Rache der Braut nicht zu bremsen ist, zeigt sich vor allem in der langen Kampf-Szene in einem japanischem Restaurant. Uma Thurman ließ schon während der Dreharbeiten verlautbaren, dass den meisten Menschen sicher schlecht werden würde, weil an die hundert Menschen auf jede nur erdenkliche Art und Weise ihrer Gliedmaßen entledigt werden und das Kunstblut hektoliterweise verspritzt wird. Und übertrieben hat sie keineswegs, die Lieblingsschauspielerin des Regisseurs.
Tarantino muss sich aufgrund der überbordenden Darstellung von Gewalt zu Recht dem Vorwurf der Gewaltverherrlichung stellen. Er selbst beteuert immer wieder, auf satirische Weise damit umzugehen. Die Grenzen aber, zwischen Satire und Ästhetisierung der Gewalt, verschwimmen immer wieder in diesem Film. Besonders der ‚forcierte Style’ mit dem Tarantino seinen Streifen inszeniert, scheint immer wieder anzudeuten, dass hier die Schönheit der Gewalt, ihre Stilisierung – zum Beispiel in Form überaus artifizieller Blutfontänen – und die Lust am Tod zum Thema gemacht wird.
Und doch könnte Tarantinos Hommage an das japanische Actionkino der 60er und 70er Jahre auch genauso gut naturalistisch intendiert sein: Nämlich insofern, als „Kill Bill“ gerade in seiner Darstellung brutalster Gewalt eine vielleicht gleichwertige Gefahr vieler ‚normaler’ Art-of-War-Filme aufdeckt: Nämlich die Ästhetik der Verharmlosung des fernöstlichen Schwerkampfes.
Wie dem auch sei, Tarantino zieht sich geschickt aus der Affäre: Er überlässt dem Zuschauer die Urteilssprechung, indem er die Grenzen verschwimmen lässt, seine Gewalt mit einer Prise von allem würzt, alles in einen Topf wirft: Satire, Ästhetik, Stilisierung und Naturalismus. Und so wundert es kaum, dass im vollen Kinosaal die einen bei Enthauptungen und Verstümmelungen johlen, lachen, ja klatschen, und die anderen sich angewidert abwenden und sich die psychologisch nicht uninteressante Frage stellen, wie verrückt Quentin Tarantino wirklich ist.
Mit „Kill Bill“ bleibt Tarantino leicht hinter der subtilen Meisterlichkeit von „Jackie Brown“ zurück, indem er zwanghaft versucht, den Stil seines Erfolgsfilmes „Pulp Fiction“ zu reanimieren, was ihm manchmal gelingt – manchmal aber auch nicht.
(pk)