CINEMATHEK: MONSIEUR IBRAHIM UND DIE BLUMEN DES KORAN

Monsieur Ibrahim et les fleurs du Coran, F, 2003
Regie: François Dupeyron
94 Minuten, FSK: sechs Jahre

Die erste Szene – der Verlust der Jungfräulichkeit. Der 15-jährige Moses opfert all seine Ersparnisse für diese Erfahrung, er geht zu einer Prostituierten. Er kriegt nicht die, die er sich aussucht – die schöne, exotische, schwarze –, und sein erstes Mal ist filmisch zusammen geschnitten mit dem Aufbrechen des lange Jahre gefütterten Sparschweins, in das Momos Vater die erste Münze hineinwarf, als Vorbild. Die Geburt der Sexualität als das Zerbrechen der Kindheit – nichts kann sie zurückholen. Und obgleich ihn die Erinnerungen an seine Kindheit in dieser Szene heimsuchen, bereut er seine Entscheidung nicht, und wir, als Zuschauer, sehen neben Lust und Freude in seinen dunklen Augen auch Traurigkeit, Sehnsucht und Einsamkeit. Eine ganz starkes Intro.
Der Film ist angesiedelt im Paris der frühen 60er Jahre, und die schönen, liebevoll gestalteten Retrokulissen des Pigalle-Quartiers hätten im Bestsellerroman von Eric-Emmanuel Schmitt nicht besser beschrieben werden können. Der in deutschen Kinos noch eher unbekannte Regisseur Francois Dupeyron hat sich daran gemacht, Schmitts Roman auf die Leinwand zu bringen, und er hat eine kleine Perle geschaffen. Was er nicht zuletzt auch seinen Darstellern zu verdanken hat. In der Rolle des Monsieur Ibrahim brilliert keine geringerer als Omar Sharif, der seit „Lawrence von Arabien“ und „Doktor Schiwago“ eher in Fernsehrollen zu sehen war. Die Rolle in diesem Film, die ihm unter anderen den Publikumspreis bei den Filmfestspielen von Venedig eingebracht hat, beschert Omar Sharif ein furioses Comeback. Aber auch sein jüngerer Gegenpart, Pierre Boulanger, der den 15-jährigen Moses, genannt Momo, verkörpert, verrichtet eine wirklich sehr eindrucksvolle Arbeit – es macht einfach Spaß, den beiden zuzusehen.
„Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ ist ein Film über eine ungewöhnliche Beziehung: Der jüdische Junge mit dem schweren Namen Moses lebt mit seinem depressiven Vater in schwierigen sozialen Verhältnissen, und ihre Beziehung ist obwohl der physischen Nähe eine der Distanz. Als der Vater den Geburtstag seines Sohnes vergisst, bäckt sich Momo einfach selbst einen Kuchen. Als Gegenleistung aber, für die fehlende Zuwendung des Vaters, verprasst Momo einen Großteil des Haushaltsgeldes, das er eigentlich für Lebensmittel ausgeben sollte, bei den Prostituierten, die die Straßen vor seiner Wohnung bevölkern – irgendwann kriegt er auch die schöne, exotische, schwarze, von der er so lange geträumt hat. Dafür ist er aber gezwungen, den Lebensmittelhändler Ibrahim, den alle nur den „Araber“ nennen, zu bestehlen.
Als dieser ewig lächelnde alte Mann eines Tages ganz beiläufig erwähnt, dass er schon längst weiß, dass Momo ihn jedes Mal bestiehlt, gesteht der Junge reumütig, dass er es lassen könne. Aber der Araber lässt das nicht zu – er gibt ihm sogar Tipps, wie er beim Einkaufen Geld sparen könne: Den Wein des Vaters mit Wasser verlängern, ihm Katzenfutter als Bauernpastete andrehen oder benützte Teebeutel einfach trocknen lassen und sie dann noch einmal verwenden – er selbst gehe ja schließlich auch zu den Prostituierten.
Als Momo eines Tages heim kommt und erfährt, dass sein Vater ihn alleine mit ein bisschen Geld und den Nummern einiger Verwandte gelassen hat, wird noch klarer, dass das ein Film über Vaterschaft ist. Dem Araber verschweigt er, dass sein Vater ihn hat sitzen lassen, und Ibrahim wird für ihn zum Wunschvater, den er nie hatte. Von ihm bekommt er die Zuwendung, die sein Vater ihm nie zu geben vermochte. Er gibt ihm Tipps, wie er das schöne rothaarige Mädchen aus der Nachbarschaft verführen kann, er zeigt ihm das reiche Paris, in das Momo nie einen Fuß gesetzt hätte, und er weiht den Jugendlichen in die Lehren des Koran ein.
Und, natürlich: Nach einer Weile kommt sie auch, nach vielen gescheiterten Versuchen, die Adoption. Gegen Ende kauft sich der Araber ein Auto, mit dem Geld, das er sich zusammengespart hat, und die beiden ungleichen Männer machen sich auf und fahren in die Heimat des Arabers – der letzte Akt ist ein road-movie, Ende und Neubeginn, und Momo wird irgendwann den Platz des Arabers einnehmen…
Obwohl es ein paar dramaturgische Mängel am Drehbuch gibt, lebt der Film von seiner wunderbaren Atmosphäre – insbesondere die zeitgenössische Musik verlieht dem Film eine Leichtfüßigkeit, die die soziale Tristesse erträglich macht – ganz im Sinne der Aussage des Films und den Lebensweisheiten des Sufi Ibrahim: Schönheit ist überall, man muss nur lernen sie zu sehen – mit einem Lächeln. – „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ ist ein schöner kleiner Film über eine ungewöhnliche Freundschaft, Väter und Söhne, und über Religion, der zu Toleranz und Lebensfreude aufruft und trotzdem nicht belehrend sein will.
(pk)