CINEMATHEK: MYSTIC RIVER

Mystic River, USA, 2003
Regie: Clint Eastwood
137 Minuten, FSK: 16 Jahre

Reise in die dunkle Seite der Seele

Als Meisterwerk wird es gefeiert: „Mystic River“, der neue Film von Clint Eastwood nach seinem enttäuschendem „Blood Work“ aus dem Jahr zuvor. Um die unauslöschlichen Nachwehen eines Kindheitstraumas geht es in diesem Film. Die tragische Geschichte eröffnet furios, mit dem eindringlichen Hauptmotiv des Films, wie drei Freunde – Jimmy, Sean, Dave – ihre Namen in frischen Beton ritzen. Der letzte aber, wird ihn nicht fertig schreiben können – er wird von zwei sinisteren Männern, die sich als Polizisten ausgeben, entführt und in einem dunklen Gewölbe tagelang missbraucht.
Und der unvollendete Name trocknet auf ewig ein im Beton, besiegelt das unabänderliche Schicksal des Jungen. Aber auch die anderen beiden werden Boston, ihre Stadt, nie verlassen. Ihre Wege verlaufen sich über die Jahre, bis ein furchtbares Ereignis ihre Schicksale wieder verwebt – die nur 19-jährige Tochter von Jimmy, wird ermordet aufgefunden. Sean Penn spielt ihn, den leidenden Vater, einen zwielichtigen Ex-Knacki, der seine Schläger-Kumpels selbst losschickt, um den Mörder auf eigene Faust zu fangen.
Sean – gespielt von Kevin Bacon –, nun Polizist in einer Ehekrise, wird mit seinem Kollegen (Laurence Fishburne) auf den Fall angesetzt. Schnell stoßen sie auf Dave, psychisch so sehr gezeichnet von den Wunden der Vergangenheit, und genial verkörpert von Tim Robbins – der Zufall oder das Schicksal will es so, dass er in der Nacht des Mordes blutüberströmt nach Hause kommt, und seiner Frau erzählt, er sei in einen Überfall verwickelt worden.
Mit der langsamen Aufklärung des Mordes und der Wiederbegegnung der drei Männer vermischt sich das eindringliche Psychodrama mit dem Kriminalfilm – da der Mord aber nie gezeigt wird, reicht der Film bisweilen ein wenig zu viel ins „Whodunit“-Genre, was den aufwühlenden psychologischen Impetus der Geschichte etwas verwässert, als auch das tragische Ende noch vorhersehbarer macht.
Auch merkt man dem ansonsten genialen Drehbuch von Brian Helgeland seine ursprüngliche Romanform besonders an der Vielzahl von Figuren und deren tragende Bedeutung für den Plot an, zum Beispiel die Ehefrauen der Männer, Laura Linney und Marcia Gay Harden.
Vor allem aber die epochalen schauspielerischen Leistungen der drei Protagonisten machen alles auch nur ansatzweise Negative an diesem großen Film vergessen – in einer der stärksten Szenen des Films erzählt Tim Robbins seiner ängstlichen Frau, dass er sich wie ein Vampir fühle – jemand, der innerlich tot sei, und doch äußerlich zu leben scheine – und gesteht ihr seinen sexuellen Missbrauch, in zerrissenen Sätzen. Tragischerweise versteht sie es nicht, und bildet sich ein, er habe ihr den Mord an Jimmys Tochter gestanden.
Eines der starken Bilder ist sicherlich auch das des Flusses, des mystic rivers, auf dessen Grund die Leichen treiben – an der Oberfläche aber, sieht alles ganz ruhig aus, friedlich, schön. Sofort fühlt man sich an den Neo-Archetypen dieses Bildes zurück, das von David Lynch stammt, aus seinem „Blue Velvet“ – es ist das Bild des kitschig-schönen Gartens, in dessen Erdreich aber die Insekten einen erbarmungslosen Kampf ums Überleben führen. Genau so ergeht es allen Figuren in dieser schwarzen Tragödie: Alle haben ihre Leichen im Keller, in ihrem mystic river – in der Gesellschaft aber: Friede, Freude, Eierkuchen – die „pursuit of happiness“ als amerikanisches Phantasma, das das psychische und soziale Elend hinter der Fassade des schönen Scheins kaschiert; ein bitterer Abriss aber auch unserer Gesellschaft.
Am Ende, nach der Katastrophe, treffen alle Überlebenden während einer Baseball-Parade aufeinander, und es reichen kurze Blicke, lakonische Gesten, um den dunklen Urgrund zu erfassen, inmitten all dieser forcierten Seligkeit: Alle sind wir Vampire – in der letzten Einstellung nähern wir ihm uns im schnellen Flug, dem mystischen Fluss, aber kurz bevor wir die Wasseroberfläche durchbrechen würden, blendet das Bild ab – diese Reise können wir nur alleine antreten, die Reise zum Grund unserer Seele, zum Grund unseres Mystic Rivers.
Clint Eastwood ist mit „Mystic River“ zweifellos einer der besten Film seiner Karriere als Regisseur gelungen: Hervorragend besetzt, oscarverdächtig, oscarwürdig – mit Sicherheit eines der Highlights in diesem Kinojahr.
(pk)