CINEMATHEK: NATHALIE

Nathalie, F, 2004
Regie: Anne Fointaine
106 Minuten, FSK: 16 Jahre

Die Erotik der Worte

Die besten Filmanfänge sind jene, die in einer Einstellung, ja in einem einzigen Bild, das Wesen der gesamten Erzählung zusammenfassen, kondensieren: Das ist die Spitze des Eisberges, an der der Zuschauer Leck schlägt und in die Filmwelt sinkt – aufgelöst, verloren, ergeben. Diese Bilder ziehen den Zuschauer in ihren Bann, brennen sich in sein Bewusstsein und lassen ihn nicht mehr los, ehe der Abspann über die Leinwand wandert – manchmal noch nicht einmal dann.
„Nathalie“, der neue Film der französischen Schauspielerin und Regisseurin Anne Fointaine, hat so einen Anfang: Ein Bild, so subtil zugleich, und kühn, weil es eigentlich nichts erzählt, und doch alles: Der Hinterkopf eines Mannes. Nicht mehr. Es ist das Bild des unbekannten Ehemannes, dem „mari inconnu“, dem vertrautesten Fremden, und vielleicht ist dieses allererste Bild in seiner beklemmenden Stille gerade deshalb so stark, weil hier das Medium Film als ein Medium der Bilder das abzubilden versucht, was per se nicht abbildbar ist – das Unbekannte.
Durch die von der Regisseurin gewählte Kameraposition, die die Identität des Ehemannes verhüllt, wirkt er beinahe abstrakt, dieser Hinterkopf, was Film nie sein kann. Dann bewegt er sich, traumwandlerisch, durch ein stilles Hotelzimmer, und es ist keines minderen Hinterkopf als der vor Gerard Dépardieu, dem unbekannten Ehemann.
Wenn sich nun der Begriff des Unbekannten durch das definiert, gegenüber dem es unbekannt ist – sonst wäre alles Unbekannte bekannt – dann ist klar, dass hier einzig die Ehefrau diejenige sein muss, die herausfinden muss, was sich auf der anderen Seite des Hinterkopfes verbirgt: Das ist – neben Gerard Dépardieu der zweite dreier Stars in diesem Film – Fanny Ardant, die Catherine spielt.
Sie lebt in der altbekannten Scheinwelt der bürgerlichen Ehe – fast ein psycho-sozialer Archetyp der filmischen Moderne: Von Außen gesehen ist die Familie gut aussehend, glücklich, erfolgreich. Aber die Krise kommt immer von innen, und der Schleier der Maja, der den Film und die Wirklichkeit einlullt in Seligkeit, suggeriert nahezu unablässig, dass die schönen Dinge im Leben immerzu den Keim des Verfalls in sich bergen – so ist es auch hier: Catherine erfährt, dass ihr Mann Bernard (Dépardieu) sie seit Jahren immer wieder betrügt, dass er das sogar für „normal“ hält, und was die hintergangene Ehefrau dagegen macht, ist eher unkonventionell: Sie engagiert die unglaublich attraktive Prostituierte Marlène – Emanuelle Béart, der dritte dreier Stars -, die unter dem Decknamen Nathalie dem scheinbar so triebgesteuerten Bernard Avancen machen soll, um dann in Erfahrung zu bringen, welche sexuellen Vorlieben er hat, und was er für seine Frau empfindet.
Das Spiel scheint aufzugehen: Alle paar Tage schildert Nathalie der Ehefrau die erotischen Abenteuer mit Bernard – in vollster erotischer Detailliertheit und doch nicht minderer professioneller Sachlichkeit. Und was kommen muss, und was Catherine nicht eingeplant hat, ist, dass sich eventuell mehr entwickelt, als purer Sex, pure Sinnlichkeit, zwischen ihrem Mann und der Prostituierten… Wer bei diesem schönen Streifen einen Softporno erwartet, gemäß der französischen Freizügigkeit oder der effekthascherischen Tendenz im Gegenwartskino, vor allem sexuelle Skandale auslösen zu wollen, der wird, zum Glück, enttäuscht werden. Wenn, dann ist Nathalie ein Verbalporno: Über Sex wird fast ausschließlich, und das sehr offen, geredet, und das lässt die lasziven Bilder dort entstehen, wo sie immer noch am schönsten sind: Im Kopf des Betrachters. Der Film „Nathalie“ erhält seine magische Energie fast zur Gänze daraus und verweigert sich dem Trend des Kinos, alles abbilden zu wollen.
Was die Filmkunst ihm aber, streng genommen, übel nehmen wird, ist, dass er seine ganze Kraft aus einem Medium speist, dass nicht das der Bilder ist, wie eben das Kino, sondern das der Worte – es wird geredet und geredet und geredet. Der visuelle Film fungiert also lediglich als verbaler Stimulus, um wiederum etwas Visuelles im Geiste des Betrachters zu erzeugen, ist nicht mehr Selbstzweck und entfernt sich vom Wesenskern des bildhaften Mediums: „Nathalie“ ist ein Hörspiel auf Zelluloid, ein Hörspiel zum Sehen – und trotzdem ein sehr guter Film.
Kamera, Inszenierung, die Musik des Peter Greenaway-Komponisten Micheal Nyman erzeugen eine einzigartige und harmonische Atmosphäre und die Schauspieler tun ihr übriges, um den Figuren und dem Film Leben einzuhauchen. Vor allem Gérard Dépardieu – endlich wieder in einer guten Rolle – wirkt in seiner verlorenen Passivität und Unbeholfenheit sehr erfrischend, und obwohl die überraschende Wendung zum Schluss sicher nicht jedermanns Sache ist, kann man bei Anne Fointaines Film „Nathalie“ doch nur eine eindeutige Aussage fällen: Anschauen!
(pk)