CINEMATHEK: OPEN WATER

Open Water, USA, 2004
Regie:
Chris Kentis
80 Minuten, FSK: zwölf Jahre

Kammerspiel mit Untiefen

„Open Water“ ist einer jener tragischen Fälle, bei dem es nicht in der Schuld der Macher selbst liegt, dass der Film bei den Zuschauern und Kritikern schlecht weg kommt, sondern in der Art, wie er verkauft wird. Allein die Vorschau kündigte vor Monaten bereits eine Film an, der gruseliger sei als „Der weiße Hai“, und die Filmplakate prunken mit falschen Referenzen auf das medial hoch gehypte „Blair Witch Project“ – diesmal auf dem Wasser.
Der Film wird als Horrorfilm vermarktet, weil sich das besser verkaufen lässt; und dann muss damit gerechnet werden, dass die Zuschauer auch einen Horrorfilm sehen wollen – „Open Water“ ist aber keiner. Chris Kentis’ Film ist ein Independent-Drama mit Thrillerelementen; so, wie er auch auf der Internet Movie Database beispielsweise, rubriziert wird.
Hohe Erwartungen sind schon schlimm genug – falsche aber, sind katastrophal. Und so sollte es keinen Wundern, wenn überall Lamentos über die mangelnde Gruseligkeit und den fehlenden Horror angestimmt werden – denn sie sind gerechtfertig. Und in letzter Instanz hat niemand etwas davon, nicht einmal die Verleiher, deren Rechnung mit der Erzeugung einer falschen Erwartungshaltung seitens der Zuschauer nicht aufging – der Film startete mit gerade 31000 Zuschauern bei 150 Kinokopien –, am wenigsten davon aber, hat der Film selbst, der jetzt in der Öffentlichkeit als gescheiterter, schlechter Horrorfilm wahrgenommen und abgestempelt wird.
Allzu große Schuld aber, kann man den Marketing-Strategen auch nicht vorwerfen, denn die Geschichte ist weitaus diffiziler, und riskanter, als Drama zu verkaufen, denn sie mutet auf den ersten Blick eben an, wie ein ganz normaler Horror-Film: Da sind Susan und Daniel, ein scheinbar glückliches, erfolgreiches, und ein wenig gestresstes Ehepaar, das sich zur Erholung einen sonnigen Bade-Urlaub in der Karibik gönnt.
Und was anfängt, wie eine schöne, entspannte und intime Zeit zusammen, muss sich – das liegt im Wesen der Films – schlagartig ändern, als die beiden bei einem Tauchtrip auf dem offenen Meer feststellen müssen, dass sie von der Gruppe vergessen wurden – und es dauert nicht lange, bis die erste Haifischflosse aus dem welligen Wasser hervor ragt…
Die narrativen Grundvoraussetzungen also, sprechen also durchaus für einen Horrorfilm. Das wirkliche Problem aber ist, dass sich „Open Water“ zweierlei menschlicher Ur-Ängste bedient und sich manchmal nicht so richtig entscheiden kann: Die Erste ist die wirklich Originelle, die Wesentliche, und die Verstörende – das ist die Urangst, allein auf dem offenen Meer zu treiben, ohne Hilfe; wo es unter einem vielleicht hunderte Meter hinunter geht, und man nicht weiß, was für unheimliches Getier dort sein Unwesen treibt. Die zweite Ur-Angst ist vermutlich weniger archaisch, als sie kinematographisch geprägt ist: Die Angst vor Haien – diese manifestierte Angst vor dem Meer. Hai heißt Horror, und das noch viel mehr im Kino.
Einem Genre-Zwiespalt also, sehen sich Macher und Zuschauer gegenüber gesetzt. Und beide versuchen dieses Problem diametral zu lösen: Der Zuschauer wünscht sich in der Erwartung auf eine Horror-Fest immer mehr Hai-Angriffe, während der Regisseur, Autor und Cutter Chris Kentis diese immer klein zu halten versucht – nur eine kleine Flosse hier und da; er lässt die Bedrohung anfangs geschickt im Unklaren. Bis er aber, gegen Ende hin, der Versuchung durch die unfreiwillig bösen Fische völlig widersteht, und paradoxerweise gerade dort seiner Geschichte die intensivsten Momente entlockt – denn trotz eines Independent Budgets von nur 130.000 Dollar leisteten es sich die Macher, mit echten Haien zu drehen.
Dabei ist die Entwicklung der beiden Charaktere Susan und Daniel in dieser Extrem-Situation zwar nicht perfekt, aber doch sehr spannend umgesetzt, zieht man die begrenzten Mittel in Betracht (der ganze Film ist mit einer digitalen Handkamera gefilmt): Dieser langsame Verlust jeglicher Hoffnung, der zum Schluss einen tragischen Höhepunkt finden soll, ist schlicht, realistisch und nachvollziehbar erzählt. In der Hoffnung auf platte Horror-Unterhaltung übersieht man auch das ein oder andere filmische Schmankerl: In der ersten Szene zum Beispiel, als die beiden aufbrechen, telefoniert jeder der beiden mit seinem Handy, und man denkt, sie sagten guten Freunden noch „Auf Wiedersehen“, aber als Susan sich zu ihrem Mann ins Auto setzt, wird klar, dass sie miteinander telefoniert hatten.
Man denkt, es sei ein unbedeutender Witz in einem Horrorfilm, aber in Wirklichkeit geht es um ein Paar, das scheinbar glücklich ist, aber innerlich bereits voneinander Abstand genommen hat. Als sie später, alleine auf dem offenen Meer treibend – ein fast existentialistisches Motiv –, eingeschlafen sind, da bemerken sie, dass sie unbemerkt auseinander gedriftet sind, und diese Erkenntnis erzeugt viel mehr Schrecken, als Flossen und Zähne und Blut.
„Open Water“ ist kein perfekter Film, weder als Drama, noch als Horrorfilm – aber es ist ein sehr wichtiger Film. Ein Film über eine menschliche Ur-Angst, wie sie so noch nicht gezeigt wurde; ein Kammerspiel auf dem offenen Meer.
(pk)