CINEMATHEK: ROSENSTRASSE

Roesenstraße, BRD, 2003
Regie:
Margarethe von Trotta
137 Minuten, FSK: zwölf Jahre

Die Frage nach dem Vergessen

Die diesjährige Gewinnerin des deutschen Buchhandels, Susan Sontag, und ihr Vorgänger, der kritikerscheue Martin Walser, streiten sich – über die Vergangenheit. Endlich Vergessen will der Eine, weiter verarbeiten die Andere. Margarethe von Trottas neuer Film „Rosenstraße“ wirkt in diesem Licht wie ein Kommentar von künstlerischer Seite.
Die in New York lebende Ruth Weinstein besinnt sich nach dem Tod ihres strenggläubigen Ehemannes wieder auf ihre jüdisch-orthodoxe Religion – und ist dabei ungewohnt kompromisslos: Sie verbietet ihrer Tochter Hannah (Maria Schrader) gar, ihren Freund, den Südamerikaner Louis zu heiraten. Gründe für diese unverständliche Entscheidung liefert sie ihrer empörten Tochter keine – aber diese wittert schon, wo sie liegen könnten: In der Vergangenheit, der Kindheit als Jüdin im Nazi-Deutschland. Vergessenes, also – Hannah macht sich auf Spurensuche in Deutschland, stößt mit der 90-jährigen Zeitzeugin Lena Fischer auf die Geschichte der Rosenstraße, löst einen „Sturm von Erinnerungen“ in ihr aus.
Den Anspruch auf Authentizität – aus kunsthistorischer Sicht und vor allem im Film ein nur allzu diffiziler Begriff, den der Film mit den Ereignissen in Berlin des Jahres 1943 beansprucht, hat bereits einen kleineren Eklat mit diversen Geschichtsschreibern ausgelöst. Hunderten Frauen, die im Dritten Reich in Mischehen leben, wurden die jüdischen Ehemänner weggenommen und in das provisorisch zum Gefängnis umfunktionierten jüdische Versorgungsamt ein gesperrt – ohne den „arischen Ehefrauen“ Bescheid zu geben.
Katja Riemann spielt die junge Lena Fischer und sie macht das ganz hervorragend, hat nicht umsonst bei der Biennale in Venedig den Preis für die beste Darstellerin erhalten. Auch ihrem Ehemann, dem einstigen Musiker Fabian (Martin Feifel), droht im widerlichen Euphemismus der Nazi-Propaganda die „Evakuierung“. So harrt auch sie Tage und Nächte lang in der Rosenstraße aus, und trifft auf die junge obdachlose Ruth – Hannahs Mutter –, der sie bei sich Obdach gewährt.
Auch Ruth liegt in der Hoffnung, ihre eingesperrte Mutter wieder zu sehen. Aber im Gegensatz zu Lena, die mit Hilfe ihres Bruders Fabian, einem verkrüppelten Wehrmachtsoffizier (Jürgen Vogel), diese wieder für sich bekommt, wurde ihre Mutter bereits deportiert.
Ruth macht, was viele Menschen nach dem Krieg gezwungen waren, zu tun: Sie ergibt sich dem Vergessen. Sie zieht nach Amerika, New York, dem Land, in dem das Verdrängen als Tugend propagiert wird. Das Land, das dazu verdammt ist, auf ewig zwanghaft vorwärts zu preschen, weil es nicht in der Lage ist, die Fehler und den Schmerz der Vergangenheit zu verarbeiten, das heißt sich ihm zu stellen: Immer mehr Geld, mehr Technik, immer mehr Krieg.
Die stärksten Bilder liefert „Rosenstraße“ gleich zu Beginn: Welch subtile, virtuose Kühnheit der Autorin und Regisseurin von Trottas, eine Montage unzähliger grauer Grabsteine mit den kühlen, anonymen Wolkenkratzern Manhattans zu komplettieren: Überdimensionale Skyscraper-Grabsteine – New York als Friedhof der Geschichte. Die kollektive Vergangenheit vieler Exil-Juden liegt hier begraben, auch die von Ruth Weinstein und mit ihr auch ein ganz großer Teil ihrer Seele, den zu lüften sie keine Kraft mehr hat.
Die Tochter macht sich als Stellvertreterin auf Spurensuche und bringt nach ihrer Reise ein Stück Vergangenheit mit – in Form eines Ringes, um damit nicht nur die Lücke in der Seele ihrer Mutter zu füllen, sondern auch das, welches die Familienmitglieder voneinander getrennt hat. Zum Schluss fällt sie an, natürlich, die Hochzeit von Hannah und Louis und eine weitere Narbe auf dem historischen „Scarface“ des Big Apple ist verheilt.
George Santayana hat einmal gesagt: „Wer nicht von der Geschichte lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“. Die Zeit, die „Moralkeule Auschwitz“ in die Ecke zu stellen, ist noch lange nicht gekommen, nein – nicht, wenn die Bürde einer ganzen Generation noch auf so vielen Schultern lastet.Die Zeit des Vergessens ist noch lange im Reifeprozess, und für die Mehrzahl all derer, die sich als „Kinder unserer Zeit“ von den Fehlern unserer Vergangenheit nicht berührt fühlen, ist ein Film wie „Rosenstraße“ – übrigens von Trottas erster Film, der in der NS-Zeit spielt – auch ein gutes, weil zeitadäquates Medium, sich die Bilder von damals einmal vor Augen zu führen.
Obwohl der Film ein wenig lang geraten ist, besteht die große Leistung von „Rosenstraße“ darin, dass er gerade in seiner Rückbesinnung auf die Vergangenheit eines der Kernproblem dieser, unserer Gegenwart aufgreift.
(pk)