CINEMATHEK: SECRETARY

Secretary, USA, 2001
Regie:
Steven Shainberg
104 Minuten, FSK: 16 Jahre

Liebe auf den ersten Schlag

Wenn eine Sekretärin am Arbeitsplatz von ihrem Chef sexuell belästigt wird, dann würde sie in der Regel schockiert ihre Sachen packen und gehen, es sei denn: Sie mag es… Was an der Oberfläche anmutet wie ein abgründiges, naturalistisches Psychodrama, inszeniert Steven Shainberg in seinem zweiten Kinofilm als abwechslungsreiche und irgendwie sogar erfrischende schwarze Komödie über das Tabu-Thema Sadomasochismus – und geht dabei durchaus in die Tiefe.
Um vorab eines klarzustellen: Der Film lebt insbesondere von der brillanten Leistung seiner beiden Hauptdarsteller, James Spader als der sadistisch veranlagte Rechtsanwalt E. Edward Grey, und Maggie Gyllenhaal als das masochistische Pendant – nicht zu Unrecht wurde sie mit dieser Rolle für den Golden Globe nominiert. Aber auch der Film selbst wurde mit allerlei Preisen bedacht, u.a. dem Spezialpreis der Jury auf dem Sundance Film Festival.
Gyllenhaal also spielt die junge Lee Holloway und sie ist, wenn man so will, Masochistin aus buchstäblicher Leidenschaft: Ihr Kosmetikköfferchen ist liebevoll eingerichtet mit Messern, Jod und anderen Instrumenten, mit denen sie sich verletzen kann. Als eines Tages ein Schnitt zu tief geht, interpretiert die hysterische Mutter und der alkoholkranke Vater das als Selbstmordversuch und schicken sie in die Psychiatrie. Geheilt ist sie nicht, als sie wieder entlassen wird, aber sie soll bald eine Möglichkeit finden, mit ihrer sexuellen Lust am Schmerz offener umgehen zu können: Als Sekretärin des Anwaltes E. Edward Grey.
James Spaders Figur ist vielleicht ein Archetypus des in sich verschlossenen Menschen und er interpretiert ihn – nach zwei Flops mit „The Watcher“ und „I Witness“ – gerade durch seine fast auf Null zurückgeschraubte Mimik auf grandiose Art und Weise: Der Eiszeit in seinem Gesicht kann man keinen Blick abtrotzen hinter die Maske dieses Menschen. Es sind nur seine Handlungen, die eine Anwandlung dessen preisgeben, was in den Tiefen seiner Psyche vor sich geht: Er behandelt Lee mit Gefühlskälte und Gleichgültigkeit – und er liebt es, sie zu bestrafen. Anfänglich ist das auch noch eher harmloserer Natur: Da wirft er die Donuts weg, die sie ihm geschenkt hat oder lässt sie im Müll wühlen, nach Akten, die er versehentlich weggeworfen hat. Erst, als er seine überengagierte Sekretärin dabei entdeckt, wie sie sich mit einem Messer aus ihrem Beauty-Case ins Bein stechen will, fängt er an, seine sadistischen Spielchen zu verschärfen.
Die Sexualität kommt dabei erst spät ins Spiel: Lee fängt zunächst ein Liebesbeziehung mit dem alten High School Freund Peter an – Jeremy Davies in seiner gewohnt guten, wenn auch immergleichen nervös-debilen Art – und lebt mit ihm den Sex, den sie bei ihrem Chef (noch) nicht findet. Nach dem Akt aber, fragt Peter fürsorglich, ob er ihr weh getan hätte, und ihre verneinte Antwort ist das für sie Signal, das er nicht der richtige ist. Lee verliebt sich in E. Edward Grey und tut alles, damit er ihre Liebe erwidert: Mit kräftigen Schlägen auf den Po zum Beispiel, oder mit Telefonanweisungen, dass sie zu Hause genau drei Erbsen zu Essen habe, und nicht mehr – dafür aber so viel Eiskrem wie sie möchte.
„Secretary“ widmet sich den tabuisierten Themen des Sadomasochismus und der Selbstauflösung in der Sexualität und geht trotz subtilem, grotesken, bisweilen aber auch albernem Humor durchaus in die Tiefe seiner Charaktere: „Manche brauchen den Schmerz, um sich zu vergewissern, dass sie wirklich leben“, Lee Holloway fällt in diese Kategorie Mensch.
Ein besonderes Kunststück bei dieser vermutlich schrägsten Liebesgeschichte des Jahres ist dem Machern bei der Schaffung der einzigartigen Atmosphäre des Films gelungen – was nicht zuletzt der fabelhaften Musik von Angelo Badalamenti zu verdanken ist, ohne die der Film niemals eine solche fließende Leichtigkeit gehabt hätte, trotz der schweren Kost seines Sujets.
„Secretary“ ist sicher nicht jedermanns Film; aber all jene, die offen sind für eine rabenschwarze Komödie über eine unkonventionelle Liebesbeziehung, kommen voll auf ihre Kosten.
(pk)