CINEMATHEK: TATSÄCHLICH LIEBE

Love Actually, GB, 2003
Regie: Richard Curtis
129 Minuten, FSK: zwölf Jahre

Ja, es ist Kitsch – und: Es ist großartig!

Als Drehbuchautor hat er schon so einiges geleistet: „Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück“, „Notting Hill“ oder „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ – das spricht für sich. Die Rede ist natürlich von Richard Curtis – dem King der romantic comedy –, der nun selbst debütiert, als Regisseur, mit seinem neuen Film „Tatsächlich Liebe“. Und laut Verleih handelt es sich dabei um die „ultimative romantische Komödie“.
Ganze zehn Geschichten packt Curtis in seinen Episodenfilm, der – natürlich – vor dem Hintergrund des immer näher rückenden Weihnachtsfestes, dem Fest der Liebe, angesiedelt ist, und mit dokumentarischen Aufnahmen vieler am Flughafen ankommender Menschen, die von ihren „loved ones“ empfangen werden, eingeleitet wird.
Hugh Grants Stimme aus dem Off kommentiert dabei das Geschehen und torkelt gefährlich nahe am moralischen Fauxpas: Indem er sagt, dass die letzten Anrufe aus dem World Trade Center allesamt Botschaften der Liebe, und keine Hasstiraden, seien – womit er Recht hat, aber mit der Schwere des 11. September und ihrer Opfer eine seichte romantische Komödie einzuleiten, ist mehr als ein Drahtseilakt. Aber zum Wesenskern der romantic comedy gehört einfach eine Verharmlosung des absurden und unverständlichen Weltgeschehens, ein Eskapismus in die Liebe, in die 90-Minuten-Utopie einer besseren Welt – „Art adorns our prison walls“, sagte der Dichter Jim Morrison: Kunst verziert unsere Gefängnismauern.
Für die zehn ineinander verwobenen Episoden des Films fahren die Macher vor allem in Sachen Schauspielern richtig schweres Geschütz auf, was dem Film leider sehr gut bekommt: Hugh Grant spielt mit buchstäblich tänzerischer Leichtigkeit den englischen Prime Minister, der sich hoffnungslos in seine mollig-süße Angestellte verliebt.
Emma Thompson brilliert in ihrer Rolle als dessen Schwester, die auf eine Krise hinsteuert mit ihrem Ehemann, verkörpert von Alan Rickman, der sich im Clinch sieht, zwischen der Liebe zu seiner Frau und der Leidenschaft zu seiner Sekretärin, der teuflischen Verführerin Heike Makatsch. Eine ihrer Kolleginnen wiederum – hervorragend: Laura Linney –, wird von der Verantwortung und der Fürsorge, die der geistig behinderte Bruder ihr abverlangt, so sehr vereinnahmt, dass sie keine Zeit findet, für die Liebe ihres Lebens zu sorgen.
Da ist noch der leidende Witwer Liam Neeson, der alles unternimmt, um seinem Sohn zu helfen, das Mädchen, in das er verliebt ist, zu erobern, und der zum Schluss großzügig entlohnt wird, vom Schicksal – oder vom Größenwahn des Autors: Er bekommt keine geringere als Claudia Schiffer, die sich für einen kurzen Gastauftritt am Ende des Films erbarmt hat.
Aber auch Rowan „Mr. Bean“ Atkinson oder Denise Richards sorgen für erfrischende Momente, genau wie Billy Bob Thornton, der als notgeiler Süd-Staaten-Proletarier eine amüsante und, wer weiß, sogar halbwegs authentische Verkörperung des US-Präsidenten abgibt. Witzig auch Bill Nighy, der einen alten, sarkastischen Rock-Star spielt, der eine grottenschlechte Weihnachtsversion von „Love is all around“ performt und in einer Kindersendung tatsächlich proklamiert: „Kinder, kauft keine Drogen … Werdet Rockstars, dann schmeißt man euch das Zeug hinterher!“. Und auch er muss sich schließlich seine Liebe eingestehen – für seinen übergewichtigen Produzenten. Nicht zu vergessen ist auch das Statistenpärchen, das sich als Lichtdoubles für eine Porno-Produktion beim imitierten Koitus näher kommt.
Zehn lustige Geschichten, also, über die Liebe – natürlich strotzt das nur so vor Kitsch. Aber es ist nicht nur das bisschen Kitsch an den Wendepunkten einer Geschichte, nein, das hier ist ein Episodenfilm: Kitsch hoch 10! Mein Gott! Und es ist gut! Einlassen muss man sich allerdings darauf, auf diesen wundervollen Kitsch in Reinform. Ja, es ist konstruiert, unglaubwürdig, vorhersehbar – weil wir es so wollen, weil wir uns die Welt so erträumen! Wir wollen ihn, um uns unserer Sehnsüchte zu vergewissern, unserer Träume.
Das ist die Art-House-Hybris mancher sogenannter Kunstfilme: Nämlich unter dem Deckmantel der Authentizität das wahrhaft Menschliche, das wahrhaft Wirkliche, mit einer forcierten und erheuchelten Reduktion auf einen winzigen Wesenskern frei zu legen, und dies gar mit Subtilität schön zu reden. Aber es ist Heuchelei, nicht an die Magie seiner Träume zu glauben, sondern sie in Bildern falscher Bescheidenheit zu verbergen. Dabei lieben wir die Konstruiertheit, den Kitsch, die Magie, lieben es, wenn unsere Erwartungen erfüllt werden, unsere Träume von einer besseren Welt.
„Tatsächlich Liebe“ ist ein sehr gelungenes Debüt für Richard Curtis, und – wenn sich der Begriff auf die gegenwärtige Konkurrenz bezieht – in der Tat die „ultimative“ romantische Komödie.
(pk)