CINEMATHEK: THE MATRIX

USA, 1999
Regie:
Larry und Andy Wachowski
136 Minuten, FSK: 16 Jahre

Kunst auf der Überholspur: Gerade noch hat die Süddeutsche Zeitung eine „Neue Ernsthaftigkeit“ ausgemacht, die sich gegen alles postmoderne Zweifeln an der Realität wende, da schiebt ein Film jedem Frühstücksei schon wieder eine zweite Wirklichkeit unter: Die Matrix zerlegt jede Ahnung von dem, was Realität bedeutet – und nährt damit einen Kino-Trend des doppelten Bodens. So hat die Truman Show Ende letzten Jahres mit der Idee gespielt, daß unser Alltag eine einzige Inszenierung sein könnte, weit entfernt also von Zufall, Schicksal oder Fügung. Und 23 brachte die „Illuminaten“ ins Feld, eine Verschwörergemeinschaft, in deren Händen die Weltherrschaft liege. Nun eben die Matrix, wo Wirklichkeits-Inszenierung und politische Macht zu einem beklemmenden Cocktail zusammenfallen.
Computerexperte Neo (macht seinen Speed-Jedermann wieder wett: Keanu Reeves) muß erkennen, daß die Welt, wie wir sie wahrnehmen, nur eine Illusion ist. Die eigentliche Wirklichkeit liegt auf anderer Ebene: Maschinen haben die Weltherrschaft übernommen, sind sich selbst genug, brauchen die Menschen nurmehr wegen ihrer Hülle: Der menschliche Körper dient ihnen als Energielieferant.
Wie man sich ein solches „Kraftwerk“ vorstellen kann, zeigen aufwendige Spezialeffekte: Die Menschheit liegt Ei an Ei wie in einer Legebatterie, bewegungsunfähig, von Schläuchen angezapft. Damit niemand gegen diese grausige Befindlichkeit nicht revoltiert, werden alle Sinne von der „Matrix“ betäubt, einem realitätsvorgaukelnden Computerprogramm, das in jedes Gehirn eingespeist wird. Unsere Autos, Städte, Lebensläufe sind nichts weiter als das Resultat einiger Programmzeilen.
Diese Wahrheit bliebe unergründlich, hätte nicht ein kleines Team Blut an ihr geleckt. Sie sind der „Batterie“ entkommen, leben in dunklen Schächten, wollen unter Neos Führung die Macht der Matrix brechen. Und obwohl der die Augen am liebsten geschlossen halten würde, muß er die Initiation zum Weltretter durchmachen. Nach und nach gewinnt er die mentale Kontrolle über das Programm, das seinen Geist in Schranken bannen will. In einer computergenerierten Welt kann auch die Schwerkraft nur virtuell sein, denkt er sich, und beginnt die Wände hochzulaufen.
Am Schluß, dem Regieduo (Andy und Larry Wachowski) sei’s gedankt, steht aber keinesfalls die Erlösung, sondern Neo erst am Anfang seiner Mission. Das erhält dem Film jene Unbestimmtheit, die dem Thema gut tut: Zwar greift er die Frage nach der Realität mit vollen Händen auf, doch deutet er mit keinem Fingerzeig auf abschließende Antworten hin. Das Werk spaziert im Nebel des Möglichen und spielt dort die Möglichkeiten aus. Dabei gelingt ein eleganter Spagat zwischen bodenständiger Action und komplexem Überbau. Ständiges Bindemittel ist ein Gefühl des Gehetztseins, der Atemlosigkeit, der letzten Sekunden, unterstrichen von lebhaftem Zeitgeist-Soundtrack. Schnell noch wird an einer Wirklichkeit gesägt, bevor man in die andere überspringt.
Neben aller Spekulation über den letzten Grund wendet sich die Matrix natürlich auch gegen Nichts-ist-unmöglich-Attitüden einer technikverliebten Ära. Und zweifelsohne hallen die Szenen vom menschlichen Kraftwerk nach, wegen ihrer Sprachlosigkeit mehr noch als manch störender Zeigefinger-Spruch des Films. Da stört es auch nicht, daß solche Welten nur unter Einsatz modernster Technik kreiert werden können. Tanz der Ironie.
Enttäuschung bereitet einzig die zum Film gehörende, mittlerweile obligatorisch gewordene Internetseite. Hier entfaltet sich eine Wirklichkeit, die ereignisloser kaum sein könnte. Sie erschöpft sich in langen Ladezeiten und lustlosen Textfetzen. Es herrscht ganz reale Luftlosigkeit. Der Bildschirm alleine also macht’s nicht – nur im Film geht es um mehr als um Frühstückseier. (jr)