CINEMATHEK: THE TRUMAN SHOW

The Truman Show, USA, 1998
Regie: Peter Weir
103 Minuten, FSK: zwölf Jahre

Oh, wie pathetisch! Ein dumpfes Knacksen, und der Fockmast stakt aus dem künstlichen Horizont. Eigentlich müßte sich Truman (Jim Carrey) jetzt mindestens wie Kolumbus fühlen. Immerhin hat er eine Revolution hinter sich gebracht: Er hat nicht weniger als seinen Kosmos durchbrochen und damit eine Welt zerschlagen, hinter der sich das verbirgt, was ihm sein Leben lang nur vorgespiegelt wurde: Wirklichkeit.
Sein Segelboot hängt nun also in der größten Studiowand der Welt, einer Art dunstglockigen Eierschale, in der Truman bislang zuhause war; ein Labor mit Schauspielern und künstlicher Stadt, die nur dafür geschaffen worden ist, Truman 24 Stunden pro Tag bei seiner Existenz zuzusehen. Der Mittdreißiger ist die einzig echte Figur der 90er-Jahre-Reality-TV-Serie schlechthin – der „Truman Show“. Zugleich ist er aber auch die Figur, die keinen Faden ihres Lebens auch nur irgendwann einmal in der Hand hatte.
Der Rest ist Drehbuch. Der beste Freund, die Ehefrau, die Kollegen – alles Komparsen und Konstruktionen. Eine Welt, die nicht nur künstlich erschaffen wurde, sondern auch noch synthetisch bis ins letzte Detail ist. Fast ein Wunder, dass Trumans Schrei nach Freiheit hier noch irgendwo einen Anker für ein Echo finden kann.
Doch es mehren sich die Indizien, wonach selbst er, der medial Gehörnte, der nie eine andere Wirklichkeit gekannt hat, auf den Verdacht kommen muß, daß eine Sonne, die in Sekunden emporschießt, nicht die Sonne sein kann, die Leben spendet und Visionen. Zuerst fällt also ein Scheinwerfer vom künstlichen Himmel; dann hört Truman im Radio plötzlich Regieanweisungen, findet den Rückzugsraum für die Statisten und entlarvt das merkwürdige Verhalten der Menschen in seiner Stadt. Irgendwann merkt er, daß die Mauer, die ihn umgibt, nicht virtuell im Kopf besteht, sondern ihn tatsächlich umschließt.
Es sind große Worte, mit denen dieser Film hantiert: Ehre, Freiheit, Moral. Ohne zu fallen, tragen sie die Zeilen, zwischen denen sie stehen. Die Zeilen selbst hat Jim Carrey in der Hand, der mit gewohntem Slapstick den komödiantischen Unterbau zur fatalistischen Gesellschaftsstudie liefert. Regisseur Peter Weir gelingt es dabei, daß sein Appell gegen die Schublade selber schwerlich in eine passen möchte. Zum einen ist dieser Film der verlängerte Arm der Reality-TV-Diskussion; ein Schrei danach, das Wort „Schnitt“ der rastlosen Drehorgel elektronischen Voyeurismus vorzuziehen. Zum anderen ist er die bedingungslos kühne Weiterführung von George Orwells „1984“, die nicht nur den politischen Big-Brother-Daumen auf die Menschheit drückt, sondern gleich mit einer alternativen Realität auffährt.
Dabei liegt Peter Weir nicht unbedingt am moralischen Zeigefinger, sondern an der Frage des Respekts. Trumans Heimat ist eine saubere, in prallen hellen Farben gezeichnete Kleinstadt, die für ein friedliches Kleinbürgertum garantieren möchte. Doch sie wirkt so schmutzig wie eine Deponie. Wenn Truman schließlich lässig durch den Ausgang schreitet, glaubt er nicht, da draußen sei es besser. Aber er will die Freiheit einfordern, seine Wirklichkeit selbst konstruieren zu können.
An der Schwelle zum schwarzen Nichts im Horizont verbeugt er sich wie nach einer gelungenen Theateraufführung und läßt den Zuschauer unter dem künstlichen Himmel zurück. Sein kleiner Schritt ist nicht überfrachtet und nicht vernichtend. Doch es ist ein deutlicher Aufruf, ans Ende des eigenen Kopfes zu segeln und dort Durchbruchsarbeit zu leisten, einen Grenzwall nach dem anderen abzuschälen, Blockaden gegen Räume einzutauschen. Dahinter, so Trumans Verheißung, geht es weiter. Oh, wie pathetisch?
(jr)