CINEMATHEK: VAN HELSING

Van Helsing, USA, 2003
Regie: Stephen Sommers
131 Minuten, FSK: zwölf Jahre

Stephen Sommers‘ wilder Mix

Unsere heutige Kultur definiert sich nicht selten durch eine gewisse Affinität zum Recycling. Wirklich Neues gibt es selten zu erleben, und auch die Leute in Hollywood verfallen zur Zeit verstärkt dem faulen Drang, sich der großen Meisterwerke der Filmgeschichte zu bedienen und sie neu zu verwerten, oder sie gleich alle in einen großen Topf zu werfen, wie das schon bei der „Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ so war – Film als „melting pot“, als Abglanz der US-Gesellschaft. Und was schon in Wirklichkeit trotz inbrünstiger Dementis durch Medien und Administration nicht funktioniert, dass muss im Film gleich zehn mal scheitern.
Nach Stephen Norringtons außergewöhnlich schlechter Liga, versucht sich nun Stephen Sommers als filmischer Resteverwerter – weniger auf die feine Art englischer Gentlemen zwar, aber mindestens genauso platt. Und obwohl Tiefgründigkeit eher selten als Maßstab für Mainstream-Film funktionieren kann, so bleibt „Van Helsing“ dennoch viele Klassen hinter den vorhergehenden Filmen seines Autors und Regisseurs. Nicht ansatzweise erlangt er die Komik, die Geschwindigkeit, den Hip und sogar die visuellen Effekte der beiden Mumien-Filme – dafür lungern zu viele Versatzstücke, zu viele Klischees, zu viele Unentschlossenheiten in diesem missglückten Kino-Potpourri.
Allein der Plot ist ein Desaster und riecht verdächtig nach einem Vorwand für Spezial-Effekte: Van Helsing, verkörpert von Hugh Jackman, erledigt im groben Stil die Drecksarbeit für den Vatikan, indem er allem übermenschlich-unchristlichen Bösen auf dieser Welt den Gar aus macht, zum Beispiel einem haarsträubend schlecht animierten Mr. Hyde ganz zu Anfang des Films in der Pariser Notre-Dame. Würde sich der Pabst auch hier zu jenen fünf Worten durchringen, mit denen er schon der „Passion Christi“ die Authentizität bescheinigt hatte: „Es ist, wie es war“?
Wer weiß, die Wege des Herrn sind schließlich unergründlich. Van Helsing bekommt nun den Auftrag, nach Transsylvanien zu reisen und sich des fiesen Grafen Dracula zu entledigen. Und er ist nicht allein, es kommt noch schlimmer: Zur Seite steht ihm die schöne Prinzessin Anna – totgespielt von Kate Beckinsale, die von dem Werwolf-vs.-Vampir-Debakel „Underworld“ anscheinend nicht genug bekommen konnte –, sowie der Ordensbruder Carl, gespielt von David Wenham. So macht sich dieses Trio-infernale auf, um gegen Dracula und seine Filmgeschichtsschergen vorzugehen: Man trifft auf Werwölfe, Frankensteins Monster, fliegende Vampire, die digitalen Fetzen fliegen, und trotzdem breitet sich gähnende Langeweile aus – die Geschichte kommt und kommt nicht ins Rollen.
Nicht nur, weil sie kein Herz hat, sondern weil es den Anschein hat, als sei nur eine erste vage Entwurfsfassung des Drehbuchs verfilmt wurden – und das ist nicht im Sinne der Nouvelle Vague gemeint. Die Love-story, die sich zwischen Jackman und Beckinsale aufbaut, ist so spannend und originell wie ein 90-minütiger Aufenthalt alleine im Waschsalon: Meine Wäsche und ich. Was nicht zuletzt an der schauspielerischen „Leistung“ fast aller Akteure liegt: Richard Roxburgh bietet die vielleicht lausigste Interpretation der Dracula-Figur, die jemals auf der Leinwand zu sehen war.
Es ist nicht ersichtlich, ob er sie satirisch verkörpert, denn es ist nicht im Geringsten lustig, und wenn er sich in ein Monster verwandelt, sieht er durchaus furchterregend aus; oder ob er sie ernst spielt, was dann wiederum unfreiwillig komisch, ja fast peinlich wär. Aber auch die anderen Darsteller können nicht überzeugen, vor allem, weil Ihnen das Buch und die effektlastige Inszenierung keine Chance lässt. Wenn Anna zum Schluss stirbt – so viel sei verraten – und Van Helsing ihr trauriges Gesicht Format füllend im rosaroten Abendhimmel erblickt – Kitsch der aller übelsten Sorte also –, während er ihren Körper auf einem Scheiterhaufen verbrennt, dann ist spätestens hier klar, dass dieser Film ein einziges Desaster ist, und selbst dieser emotional aufgeblasene Rettungsversuch nichts mehr heraus reißen kann.
Was bleibt, ist ein wilder, inkonsistenter Action-Fantasy-Horror-Mix aus filmhistorischen Versatzstücken, enttäuschenden Effekten, indiskutablen schauspielerischen Leistungen, grausiger Story, und gekrönt von horrendem Kitsch und billigsten Klischees – dass sich Stephen Sommers in seinem nächsten Film wieder der Mumie zuwendet, ist nur bezeichnend und gibt zumindest Hoffnung auf einen besseren Film – auch wenn es abermals ein Nachfolger ist.
(pk)