CINEMATHEK: VERY BAD THINGS

Very Bad Things, USA, 1998
Regie: Peter Berg
100 Minuten, FSK: 18 Jahre

Die Straßen sind sauber, die Vorgärten gepflegt, die Mini-Vans poliert. Wir blicken auf eine namenlose amerikanische Vorstadt mit allen Attributen der Unschuld. Aber wir hören auch den Hochzeitsmarsch im Hintergrund: lustlos abgenudelt, verbrecherisch falsch ins Piano gehackt, dann plötzlich abgebrochen. Schon im Vorspann wird an der heilen Welt gezerrt, und es dauert nicht lange, bis wir auch sehen dürfen, welcher gigantischen Abrißbirne sich Regisseur Peter Berg bedient, um die ganze Harmonie zu zerreißen.
Sanft formuliert: Es passieren ziemlich üble Sachen, very bad things; aber das ist nur ein verzärtelter Hinweis auf das, was eigentlich geschieht. Immerhin stampft sich die Geschichte in Grund und Boden, ein Grabeskreuz obenauf. Schon die ersten Szenen ergötzen sich an Bruchstellen: Das junge Paar Laura (Cameron Diaz) und Kyle (Jon Favreau) führt eine unausgeglichene Beziehung, die vor allem unter Lauras fanatischer Hochzeitsplanung leidet: Seit 27 Jahren bereite sie sich aufs Heiraten vor, meint die 27jährige grell, und die Hochzeit finde statt, da könne kommen, was mag. Für eine pechschwarze Komödie wie „Very Bad Things“ ist eine solche Aussage natürlich der Startschuß zur Apokalypse.
Kyle und seine Freunde machen sich auf ins entfernte Las Vegas, um eine rauschende Junggesellenparty zu feiern, bevor er in den Schoß der Ehe entlassen wird. Schnell tauschen die Fünf ihre Sakkos mit Sekt und die Krawatten mit Kokain; kaum in Las Vegas angekommen, treten sie besonders laut und lästig auf, penetrant in ihrem Versuch, ihre ganze Bürgerlichkeit samt Reife über Bord zu werfen. Gelungen zeichnet der Film ihren Abgrund vor: In schnellen Schnitten und unter schnellen Rhythmen verlieren sich die Figuren in überzogener Ekstase; ihr unablässiges Aufeinander-und-Gegeneinander-Gebrülle nimmt der einzelnen Stimme jeden Raum zum Atmen. Als die Freunde eine Stripperin in ihre Suite bestellen, ist längst eine hyperventilierende Atmosphäre geschaffen, nurmehr über ein Unglück zu entladen: Das Mädchen kann die Szene gar nicht überleben. Nach gewaltvollem „Liebesspiel“ findet sie einen üblen Tod.
Da tröpfelt der Rausch plötzlich ab, mündet in düsteres Stammeln; nur einer, Robert (Christian Slater), durchleuchtet die „Situation“ mit Strategie und diktiert fortan eine Truppe, die zwischen „Beweisvernichtung“, pathologischem Kalkül und moralischem Überbau zebrechen wird. Als Wortführer bringt Robert gleich noch einen Zeugen um, läßt die Toten verscharren und macht sich letztlich, von Mißtrauen und Narzismus getrieben, auch über das Leben seiner Freunde her. Sein schwarzes Kapital schlägt der Film bei alledem aus überraschenden Wendungen, die sich in Grundrechts-Verachtungen überschlagen. Übrig bleiben schließlich nur der Laura, ihr Kyle und dessen Freund Charles (Leland Orser).
Kaum sind die blutverschmierten Ringe vor dem Altar ausgetauscht, findet Laura Gefallen an der bisherigen Praxis: Sie diktiert ihrem frischgebackenen Ehemann den Mord am lästigen Charles; gleiches empfiehlt sie für den Hund vom mittlerweile verwaisten Haushalt nebenan. Mörder und Opfer in spe erleiden jedoch einen schweren Verkehrsunfall und werden Gegenstand von Lauras Läuterung – sie muß sich um zwei Pflegefälle und einen dreibeinigen Hund kümmern. So stülpt sich eine etwas einfach gestrickte „Moral der Geschichte“ über das Absurde. Ein schwächelnder Schlußpfiff.
„Very Bad Things“ ist in bester „Kleine Morde unter Freunden“-Tradition gedreht: Das Unglück kommt nicht von außen, sondern aus dem eigenen Bekanntenkreis. Auch der Sieg des Guten über das Böse bleibt Familiensache: Nicht Richter oder Polizist ahnden die Verbrechen, sondern nagendes Gewissen und Schicksal. Bis die Falle der Buße aber zuschnappt, entwickeln sich die Charaktere vom Schaf zum Wolf, läßt der Film keine Grausamkeit aus. Interessiert wirft er seine Figuren von einem Raubtierkäfig des Unglücks in den nächsten. Er experimentiert mit ihren Grenzen und denen des Geschmacks. Das, was in „Arsen und Spitzenhäubchen“ noch verdeckt im Keller lag, wird unverhohlen ausgepackt – die Fiktion visualisiert ihre eigene Wirklichkeit: Details des Grauens, mit Witz eisgekühlt.
(jr)